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Thomas Nentwich zeigt in Wuppertal die nackte Vielfalt des Menschen

Vernissage : Die nackte Vielfalt des Menschen

Thomas Nentwich zeigt in der Galerie Schwarzbach Aktfotografie.

Nur nackt sind sie alle: Natürlich ist es keine ganz alltägliche Gemeinsamkeit, die alle Fotografierten in der Ausstellung von Thomas Nentwich auszeichnet. Doch dem Künstler geht es um Vielfalt, und so zeigen denn seine Bilder in der Schwarzbach-Galerie nackte Menschen beiderlei Geschlechts, verschiedenen Alters und ohne dass ihre Statur „Idealmaßen“ entsprechen müsste.

Nentwich schätzt generell inszenierte Fotografie. Auf die Bilder heute an der Wand freilich bezieht sich das weniger, eher auf frühere Arbeiten mit meist bekleideten Models, die er auch bereits in der Schwarzbach präsentiert hat. Es gilt sogar auch für seine Aufnahmen von Pflanzen, die zu durchblättern und günstig zu erwerben sind: Blüten im Detail, die das ganze Bild ausfüllen. Die Aktporträts dagegen suchen gar nicht zu sehr die Pose: „Ich will Authentizität.“

Fokussiert auf die Geste wirken die Bilder aber schon. Gleich am Eingang fallen zwei männliche Akte in den Blick: Der eine vermittelt so etwas wie Skepsis, wie er den Kopf in die Hand stützt. Der andere hat betont Positur eingenommen und schaut geradeaus, präsent nach vorn. Die Lendengegend ist bei beiden verdeckt, das gilt freilich nicht für alle der Models.

Doch die Art der Inszenierung, sie soll weniger dem Effekt an sich dienen. Nentwich hat ja zum Akt über bekleidete Models gefunden und sagt im Vergleich über Ersteres: „Man hat nichts mehr zwischen sich und dem Betrachter.“ Welche Art der Geste fürs Foto eingenommen wird, entscheidet er nach Kennenlernen der jeweiligen Person. So im Fall der Frau, die heute mit einem Spiegel in der Hand zu sehen ist – mit ihrem reflektierten Konterfei: Im Gespräch habe sie offenbart, sich selbst oft nach ihrer Identität zu fragen; daraus habe die Bildidee sich ergeben. Bei einer jungen Frau, gezeigt im hinteren Raum, war es ihre fragile Person, ihre Erfahrung mit der Borderline-Krankheit, die zum Motiv den Ausschlag gab.

Die Models wurden
per Anzeige gesucht

Wie gingen die Models, er fand viele von ihnen als Nichtprofis per Annonce, mit der intimen Situation um? Vorab sei es ihm gelungen, ihr Vertrauen zu gewinnen, erzählt Nentwich, und da mag seine Eigenaussage über die Bilder eine Rolle spielen: „Sie sind unerotisch.“ „Oft waren sie positiv überrascht“, erinnert er sich an die Reaktionen auf die Situation der Aufnahmen. Sie fanden in seinem Studio statt, das sich wiederum in seiner Wohnung befindet. Ort wie auch Vorgespräch haben die Menschen offenbar überzeugt, sich einzulassen. Mit der amüsanten Besonderheit, dass es zwar nicht so sehr zur körperlichen Entblößung Bedenken gegeben habe, dafür aber vor der Annahme, man müsse sich in den eigenen vier Wänden ablichten lassen: „Nackt? Kein Problem!“, umschreibt Nentwich schmunzelnd diese Haltung mancher Porträtierter – „aber nicht in meiner Küche!“

So waren es denn offenbar teils andere Arten von Überwindung, die vorab zu stemmen waren. Eine weitere brauchte es durchaus auch für die Galeristin: Barbara Binner hat in der schon Jahrzehnte langen Zeit der Schwarzbach-Galerie noch nie eine reine Akt-Schau gezeigt. Auch als sie Nentwich vor einer Weile auf diese Kunst ansprach, hatte sie Vorbehalte: „Ich war noch nicht bereit dazu.“ Darauf aber stellte sie fest: „Seine Bilder sind gut.“ Wieweit auch für den Besucher der Anblick fremder Nackter Befremden auslöst, ist wahrscheinlich Geschmackssache. Beim unvoreingenommenen Blick begegnet man jedenfalls Persönlichkeiten, wobei die textillose Intimität nur einen Teil davon ausmacht. Bloß die Hängung erlaubt wohl ein Fragezeichen: An einer Wand drei ältere Models in schwarz-weiß, zwei davon männlich, an der nächsten drei junge Frauen in farbig – da erschienen dann doch allzu gängige Gruppierungen, die zur gewollten Mischung nicht ganz passen.

„Aktporträts“ ist bis 5. April, Mi und Fr, 19 bis 21 Uhr, und So, 15 bis 18 Uhr, zu sehen.