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Thomas Kutschaty spricht in Wuppertal über Sicherheit

Diskussion : „Strafe allein macht keinen besser“

Nach Kafka-Lesung gibt Ex-Justizminister Thomas Kutschaty beim Festival „Lang-Lese“ Auskunft über modernen Strafvollzug.

Von der Lesung sind die etwa 50 Zuhörer im Evangelischen Gemeindehaus in Langerfeld dann doch etwas geschockt. „Wie kommt ein Schriftsteller dazu, so etwas Grausames zu schreiben?“, fragt ein älterer Herr in der vorderen Reihe des Publikums, bei den Umsitzenden erntet er Kopfnicken. „Ein Schriftsteller“ ist in diesem Fall niemand anderes als Franz Kafka, einer der bedeutendsten Autoren deutscher Zunge.

Gerade haben die Schauspielerin Julia Wolff und der SPD-Landtagsabgeordnete Andreas Bialas im Wechsel aus der Novelle „In der Strafkolonie“ gelesen. In eindringlichen Worten schildert Kafka darin, wie Menschen oft aus nichtigem oder geringem Grund verurteilt und in einer brutalen Prozedur mittels einer sadistischen Tötungsapparatur exekutiert werden.

Die Lesung von Dienstagabend ist Bestandteil des Literaturfestivals „Lang-Lese 2018“. Neben Wolff und Bialas ist auch der ehemalige NRW-Justizminister Thomas Kutschaty an dem Abend dabei, lautet das Thema doch „Voraussetzung für Freiheit ist der Rechtsstaat!“ Und wie es zugeht, wenn ein solcher Rechtsstaat aufgehoben ist und eine einzelne Person gleichzeitig als Richter und Vollstrecker aktiv wird, erzählt die im Jahr 1914 verfasste und erst fünf Jahre später veröffentlichte Erzählung Kafkas. Sie ist eine Parabel darauf, wie unmenschlich ein auf Effizienz getrimmtes Justizsystem ausfallen kann, das im Zweifel immer die Schuld beim Beschuldigten sieht. Denn – so heißt es in dem Text – die Schuld ist „immer zweifellos“.

Erzählt wird der Besuch eines Reisenden in einer Strafkolonie auf einer entlegenen Insel. Diesem Reisenden wird von einem Offizier ein Apparat vorgestellt, mit dem Verurteilte auf brutalste Art hingerichtet werden. Zuvor wird ihnen „das übertretene Gebot“ auf den Leib geschrieben – dazu tritt ein auf einem Stahlband montiertes Nadelsystem in Einsatz, die sogenannte Egge. Die ganze Prozedur dauert zwölf Stunden, dann wird die Leiche des Delinquenten in eine Grube geworfen.

Der Offizier ist ein glühender Vertreter dieser Art der Bestrafung, der Forschungsreisende kann nur Abscheu dafür empfinden. Als er dies seinem Gegenüber deutlich macht, beugt sich der Offizier seinem von ihm befürworteten Sanktionsprinzip: Er legt sich selbst in die Maschine und sich lässt das Gebot „Sei gerecht!“ auf den Leib schreiben. Bei der Bestrafung geht die Apparatur in Trümmer, die aufgespießte Leiche des Offiziers hängt schließlich über der Grube, ohne hineinzufallen.

Die Lektüre wird zweistimmig vorgetragen. Julia Wolff übernimmt das Gros des Textes, Andreas Bialas spricht die Zitate des dienstbeflissenen Offiziers. Bialas, der auch Mitglied im Beirat des Langerfelder Bürgervereins ist, trägt seine Passagen lebhaft vor und gestikuliert ein wenig, Wolff spricht akzentuiert und neutraler. Die Novelle ist ein Vorgriff auf die Zeiten, die im weiteren 20. Jahrhundert folgten: Demagogie, Entrechtung, Deportationen, Völkermorde, Kriege.

Es geht nicht ausschließlich
um die Bestrafung

Wie dagegen moderner Strafvollzug aussieht, darüber berichtet der frühere NRW-Justizminister und jetzige SPD-Fraktionsvorsitzende im Düsseldorfer Landtag, Thomas Kutschaty. Bei allem Verständnis dafür, dass sich die Bevölkerung bisweilen harte Strafen für manche Verbrechen wünscht, dürfe nicht vergessen werden, welches Ziel der Strafvollzug habe. Und das sei eben nicht ausschließlich Bestrafung, sondern vor allem der Gedanke der Resozialisierung des Gefangenen: „Was für einen Menschen wollen wir nach dem Strafvollzug in die Freiheit entlassen?“

Derzeit gebe es rund 17 000 Strafgefangene in NRW, die meisten davon kämen früher oder später wieder auf freien Fuß. Zudem sei der Strafvollzug teuer: Zwischen 4000 und 5000 Euro kostet die Unterbringung eines Gefangenen das Land pro Monat. Überdies gelte: „Die Strafe allein macht keinen Menschen besser!“, unterstrich der Ex-Minister. Deshalb gebe es zum Prinzip der Resozialisierung des Strafgefangenen „keine Alternative“.