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Theater in der Wuppertaler Börse: Doch den Gefühlen entkommt man nicht

Theater : Theater in der Börse: Doch den Gefühlen entkommt man nicht

Cocteaus „Die menschliche Stimme“ war in der Börse zu sehen.

Das Stück passt gut in unsere Zeit. Man meint, jemand am Handy zu belauschen: „Hallo. Hallo? Ich hör dich nicht – ruf nochmal an.“ Dazwischen stampft, quietscht und klopft es aus den Lautsprechern. Petra Koßmann spielt in der Börse „Die menschliche Stimme“ von Jean Cocteau, inszeniert von Beate Rüter. Geschrieben wurde das Stück 1930.

45 Minuten lang schlägt die Schauspielerin die Zuschauer in ihren Bann, fast ausschließlich mit ihrer Stimme. Am Anfang ist Petra Koßmann von Kopf bis Fuß in einen Strick gewickelt. Steht als verschnürtes Bündel auf der schwarzen Bühne, hinter ihr ein heller Prospekt mit einer runden Form – ein Auge, ein Strudel oder eine Sonne. Die Zuschauer wissen nicht, mit wem sie eigentlich spricht, offenbar spät am Abend. Mit ihrer Mutter, einer Freundin, dem Liebhaber? Ihre Stimme klingt sachlich und gefasst.

Bis in die kleinste Nuance haben Koßmann und Rüter diesen Text ausgelotet. Jedes Wort sitzt exakt. „Ich bin ein tapferes Mädchen“, sagt die Frau ins Telefon. Sie plaudert über Briefe, die ausgetauscht wurden, den Hund, den der Mann zu sich nehmen möchte. Fünf glückliche Jahre liegen hinter ihnen – nun hat er Schluss gemacht.

Ganz klar und gefasst klingt die Stimme zu Beginn. Wenn sie beteuert, dass alles in Ordnung ist, wird sie metallisch, angestrengt. Kleine Brüche tauchen auf. Einsprengsel von Emotionen. „Gestern Abend sah ich mich im Spiegel einer alten Frau gegenüber“, sagt die Frau plötzlich mit ihrer natürlichen Stimme. Wechselt zurück ins unverfängliche Plaudern, entschuldigt sich, fleht: „Bitte leg nicht auf“, erwähnt nebenbei, dass sie gestern zwölf Schlaftabletten geschluckt habe.

Langsam befreit sich Petra Koßmann aus den Verstrickungen. Erst kann sie nur den Anfang des Seils abwickeln. Wütend peitscht sie den Strick gegen den Boden. Sie fällt, richtet sich mühsam wieder auf. Emotional erzählt die Frau von ihrer großen Liebe, ihrer Verzweiflung ob der Trennung. Langsam gelingt es ihr, den Rest des Seils abzustreifen. Die Gefühle bleiben. Sie jammert und bedauert sich selbst. Eine Lösung bleibt aus. Ganz abrupt endet der Monolog. Die brav auf Abstand sitzenden Zuschauer spenden begeisterten, langen Beifall.

» „Die menschliche Stimme“ wird noch aufgeführt am: 11. September, Börse; 30./31. Oktober, im Café Ada