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Begrabt mein Herz in Wuppertal: Tausche Karneval gegen lauen Sommerabend

Begrabt mein Herz in Wuppertal : Tausche Karneval gegen lauen Sommerabend

Uwe Becker über Kleiderfragen und Glückskekse.

Heute ist Aschermittwoch. Alles ist vorbei. Ich bin zwar kein eingefleischter Jeck, kann mir aber gut vorstellen, dass gerade die Mitglieder der Karnevalsgesellschaften sehr betrübt waren, dass der Zug letzten Sonntag hier in Wuppertal abgesagt wurde. Der stürmische Regen hat die Arbeit eines ganzen Jahres fast vollständig zunichte gemacht. Der Rosensonntagszug ist ja das Herzstück, quasi der Höhepunkt jeder Karnevalssession.

Eine zusätzliche Hiobsbotschaft erreichte die Bergischen Karnevalisten bereits Weiberfastnacht, trat doch die Karnevalsprinzessin Christin I. an diesem Tag aus privaten Gründen zurück. Unter Berücksichtigung dieser beiden Aspekte stand die gesamte Veranstaltung unter keinem guten Stern mehr. Ich persönlich, tut mir leid, verabscheue Karneval zutiefst. Mehr noch als die groteske, plötzliche, drei bis vier Tage anhaltende höchst übertriebene Fröhlichkeit und die albernen Kostüme (Krankenschwester oder Känguru), verachte ich diese Furcht einflößende, knalldoofe Schunkel-Musik, zu der große Teile unserer Bevölkerung tanzt, hüpft, eimerweise Bier trinkt und was weiß ich noch alles treibt.

Ich bin so froh, dass dies alles jetzt mal wieder für ein paar Monate vorüber ist. Ausnehmen von meiner Kritik möchte ich die Kölner Stunksitzung und den Düsseldorfer Wagenbaumeister Jacques Tilly, dessen satirische Mottowagen über jeden Zweifel erhaben sind. So etwas sucht man hier in Wuppertal bei unserem Karnevalszug leider seit Jahren vergeblich. Alles gut und schlecht.

Aber trotzdem sehne ich mich jetzt eher nach einem lauen Sommerabend, an dem ich mir meinen hellblauen Pulli über die Schultern hänge und die Ärmel vor dem Brustbein locker verknote - könnte ja später doch etwas kühler werden. Auf dem Grill schmort gut abgehangenes Gemüse aus der Region und in der Hand ruht ein Glas arschkalter Riesling. Zusätzlich lausche ich andächtig hochbetagten deutschen Musikern mit richtig viel Migrationshintergrund, die im Gartenpavillon Kompositionen von Thelonious Monk zelebrieren.

Als kleiner Junge, um weiterhin bei der Wahrheit zu bleiben, habe ich mich immer sehr gerne verkleidet. Aber nicht nur an Karneval. Man könnte sogar behaupten, dass ich mich mehrmals täglich umgezogen, und dabei vor der großen Spiegeltüre des elterlichen Schlafzimmerschrankes von allen Seiten betrachtet habe. Ich trug vorrangig die Kleider meiner Mutter, besonders gerne das rote Kleid mit den großen, weißen Punkten. Und die Hüte meines Vaters. Auch klebte ich mir spaßeshalber schwarze Bärte an und schminkte mich auffällig. Mein Verkleidungstick wurde irgendwann zum Problem, sodass mein Zwang, ständig in andere Rollen zu schlüpfen, dazu führte, dass meine Eltern mit mir einen Psychologen aufsuchten, da ich meine eigenen Kleidungsstücke überhaupt nicht mehr tragen wollte.

Nach mehren Therapiestunden in Elberfeld – in Barmen gab es damals noch keine jugendpsychologische Praxis – war die Sache aber auch gegessen. Meine weitere Entwicklung verlief bieder und relativ normal. Verkleiden durfte ich mich aber nur noch an Karneval oder wenn ich mit den Nachbarskindern im Hinterhof „Cowboy und Indianer“ spielte. Als ich eingeschult wurde, war ich komplett geheilt. Ab meinem sechsten Lebensjahr zog ich nur noch das an, was meinem Typ entsprach und mir von Mutter rausgelegt wurde.

Diese Phase endete, als ich mein Elternhaus ohne Reue, aber für immer verließ. Ich kann sagen, dass mein weiteres Leben zufriedenstellend bis prima verlief. Ich traf in der Regel auch die richtigen Entscheidungen, privat wie beruflich. Zum Beispiel damals, als ich im Alter von sieben Jahren aus Übermut unter einen parkenden LKW kroch, weil mein Fußball darunter lag, ich es aber im richtigen Moment schaffte, den Gefahrenbereich zu verlassen, bevor mich die plötzlich anrollenden Räder des Lastwagens zerquetschen konnten.

Im Grunde war und bin ich kein Pechvogel. Allerdings passieren mir ab und zu mysteriöse Dinge, so wie kürzlich, als wir beim Chinesen zum Essen waren. Ob Sie es mir glauben oder nicht: In meinem Glückskeks war kein Zettel!