Talentschule in Wuppertal: Was die Schulleiterinnen zur Diskussion sagen

Diskussion : Talentschule: „Verdient haben es alle“

Nach der umstrittenen Auswahl zum Schulversuch sprach die WZ mit den Schulleiterinnen.

Die Auswahl des Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasiums für den Schulversuch „Talentschulen“ hat viele Diskussionen ausgelöst. Die WZ sprach mit Dorothee Kleinherbers-Boden, Leiterin der Gesamtschule Else Lasker-Schüler, und Claudia Schweizer-Motte, Leiterin des Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasiums.

Warum hat Ihre Schule verdient, Talentschule zu sein?

Dorothee Kleinherbers-Boden: Die Ausschreibung spricht Schulen in benachteiligen Sozialräumen und mit einer entsprechend zusammengesetzten Schülerschaft an. Wir erfüllen das: Wir haben 1429 Schüler, davon sprechen knapp 90 Prozent nicht Deutsch zu Hause und es kommen geschätzt etwa 50 Prozent aus sozial schwachen Familien. Wir machen viel für diese Schüler: Wir sind Kulturschule, wollen das Thema noch mehr in den Unterricht integrieren, machen eine ausgefeilte Sprachförderung – im Unterricht, durch zusätzliche Deutsch-Stunden und Leseförderung, wir fördern soziale Kompetenzen, haben ein ausgearbeitetes Beratungskonzept - das alles wollten wir vertiefen. Und brauchen dringend bauliche Verbesserungen.

Claudia Schweizer-Motte: Mir ist wichtig: Verdient haben es alle Schulen. Ich verstehe nicht, warum in Wuppertal der Schulträger die Schulformen gegeneinander ausspielt. Das ist schade. Damit wird eine Zusammenarbeit verhindert. Wir leiden unter dem Vorurteil, dass wir die alte Lateinschule sind. Aber auch bei uns haben 67 Prozent der Schüler Migrationshintergrund, ich unterschreibe auch 30 bis 50 Anträge für das Bildungs- und Teilhabe-Paket. Wir machen viel, haben durch den Umbau die eigenen Bereiche pro Jahrgang, die Schüler können sich für Vertiefungsprofile entscheiden, es gibt gemeinsame Lernzeiten statt Hausaufgaben, unser Schwerpunkt sind die Naturwissenschaften, wir haben das „Vivarium“ mit lebenden Tieren - das alles würden wir gern ausbauen, aber das kostet Ressourcen. Übrigens auch die Digitalisierung. Die für uns verantwortlich sind, müssen lernen, dass Schule mehr Ressourcen braucht. Schule ist nicht mehr wie früher. Hörte man heute in einer Autowerkstatt, wir arbeiten wie vor 50 Jahren, würde man sofort wieder rausgehen.

Wie lief die Bewerbung?

Kleinherbers-Boden: Als ich die Ausschreibung gesehen habe, dachte ich: Das ist wie für uns geschrieben. Wir sind ja gerade in einem Schulentwicklungsprozess durch die Nominierung zum Deutschen Schulpreis 2017. Wir hatten die Hoffnung, dass sich durch die Auswahl als Talentschule einiges schneller bewegt, es neuen Schwung gibt. Die Bewerbung war eine Initialzündung.

Und jetzt?

Kleinherbers-Boden: Ist der Frust groß, sind die Kollegen enttäuscht. Ich vermisse, dass das Ministerium Ungleiches auch ungleich behandelt. Die Kollegen sagen, dass der Wettbewerb auf drei Ebenen nicht funktioniert hat: Man hätte Gymnasien nicht zulassen dürfen - bei dem Schulversuch ist eine andere Klientel gemeint, der Schulträger hätte priorisieren müssen und die Kommission hätte uns genauer ansehen müssen. Aber wir machen trotzdem weiter. Wir haben ja nichts verloren.

Werden Sie sich in der zweiten Runde bewerben?

Kleinherbers-Boden: Es ist zu früh, das zu diskutieren. Ich bin auch im Arbeitskreis „Schulen am Wind“, in dem Schulen mit besonderen Herausforderungen für Unterstützung kämpfen. Das Kollegium setzt eher auf diese Schiene.

Wie wird es bei Ihnen weitergehen?

Schweizer-Motte: Wir wissen noch nicht, wie wir jetzt an die Stellen kommen. Aber wir werden das schon mal vorstrukturieren, zum Beispiel überlegen, was für Fachkräfte – Fachlehrer, Sozialarbeiter, Netzwerkbetreuer – wir wollen.

Wie empfinden Sie die Diskussion in Wuppertal über die Talentschul-Auswahl?

Schweizer-Motte: Generell meine ich, dass es hoch anzurechnen ist, dass das ein Schulversuch ist, bei dem es zusätzliche Ressourcen gibt. Ich stimme nicht zu, dass man die Gymnasien ausschließen sollte. Vielleicht wäre es eine Lösung, das Programm aufzuschlüsseln nach Schulformen. Was ich sehe: Wir werden zum Spielball der Politik. Das finde ich unfair.

Kleinherbers-Boden: Die Stadt hat die Ausschreibung offenbar so verstanden, dass sie nur als Verwaltung gefragt ist, nicht auf politischer Ebene. Deshalb ist es eine wichtige Diskussion für Wuppertal. Weil hier Dinge nicht politisch entschieden wurden, die das vielleicht nötig gehabt hätten.

Schweizer-Motte: Die Politik sollte auch mit denen Kontakt aufnehmen, um die es geht, anstatt Überkommenes oder Vorurteile zu verbreiten.

Kleinherbers-Boden: Jede Schule hätte es verdient, besser ausgestattet zu werden. Die Frage ist, für welche Schule wäre Unterstützung besonders dringend notwendig? Viele Gesamtschulen haben sich bewusst nicht beworben, weil sie den Ansatz für falsch halten. Ich habe es trotzdem getan, weil ich für meine Schüler etwas herausholen wollte. Der Schulversuch bringt ja vor allem mehr Lehrer und mehr Ausstattung.

Geht es bei dem Schulversuch nicht darum, Konzepte zu entwickeln?

Kleinherbers-Boden: Schulen in schwierigen Lagen haben Konzepte. Sonst hätten wir nicht überlebt.

Schweizer-Motte: Das vereint alle Schulen, die teilnehmen. Es fängt ja keine bei null an. Das sind Schulen, an denen etwas für die Schülerinnen und Schüler gemacht wird und engagierte Menschen arbeiten.

Haben Sie Kritik an dem Bewerbungsverfahren zum dem Schulversuch?

Kleinherbers-Boden: Ja. Ich fände es besser, wenn wir einfach Unterstützung bekämen. Denn für wen machen wir das? Wir wollen Schülerinnen und Schülern ermöglichen, etwas mit ihrem Leben anzufangen – das ist das Ziel. Nicht, einen Preis zu gewinnen.

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