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Tagebuch einer Expedition 2: Wenn die Nase gefriert

Tagebuch einer Expedition 2: Wenn die Nase gefriert

Martin Hülle berichtet für die WZ von seiner Expedition durchs arktische Eis.

Wuppertal/Grönland. Der Wichlinghauser Martin Hülle und sein Kollege Jerome Blösser wandern 600 Kilometer durch Grönland. In der WZ berichten Sie von ihrer abenteuerlichen Reise durch die Eiswüste:

Seit letztem Sonntag kamen wir auf einigen Passagen erstmals seit drei Tagen besser voran. 19,3 Kilometer waren es an dem Tag. Den ganzen Tag hatten wir blauen Himmel und moderate Temperaturen, nur der Wind war eiskalt. Der Zeltaufbau war schwierig, kein Fehler durfte passieren, damit unsere lebenswichtige Behausung nicht beschädigt wird oder gar davon fliegt. Wie immer, wenn das Zelt steht, richteten wir uns häuslich ein. Nach dem Essen ist dann allabendliche Bürostunde, wo wir den Tagebucheintrag für unsere Website verfassen und per Satellitentelefon versenden.

Die neue Woche beginnt immer noch recht windig. Während weiterer Kilometer ruckelten die Pulka-Schlitten bei jedem Schritt über die Schneekämme, doch mit jeder Stunde wurde der Untergrund besser. Erstmals hatten wir das Gefühl, nichts als die bloße Weite des Inlandeises in alle Himmelsrichtungen zu sehen.

Am Montag Nachmittag entdeckten wir einen dunklen Punkt am Horizont. Nach1,5 Stunden waren wir dort: ein kleines Camp zweier Inuit mit ihrenHundeschlitten. Sie waren auf dem Weg an die Westküste, um dort 5 Amerikanerin Empfang zu nehmen und gemeinsam mit ihnen eine Überquerung der Eiskappezu machen. Wir wurden auf einen Kaffee eingeladen, den wir dankend annahmen.Nach einem kurzen Plausch zogen wir weiter.

Später setzte leichterSchneefall ein und wir schlugen unser Zelt nach 17 Kilometern auf. AlsJerome noch einmal aus dem Zelt trat, sah er die zwei Inuit mit ihrenHundeschlitten herankommen. Beide hielten kurz bei uns an und wir
revanchierten uns ebenfalls mit einem heißen Kaffee. Zum Abschied witzelten
wir alle, ob wir uns in den nächsten Tgen erneut irgendwo im Nirgendwo zum
Kaffee begegnen würden.


Am folgenden Tag Traumwetter - einmalabgesehen vom starken Wind. Bei
wolkenlosem Himmel liefen wir Stunde umStunde mit den festzugezogenen
Kapuzen unserer winddichten Jacken demEtappenziel - der magischen 20
Kilometermarke - entgegen. Die windigenVerhältnisse und der immer noch
schwierige Untergrund, machten dasVorwärtskommen zu einem Kraftakt.

Selbst die Pausen waren wenig erholsam.Wir liefen durch totale Einsamkeit, wie auf einem fremden Planeten, und dasEinzige, was uns an die Welt da draußen erinnerte, waren die seltenenFlugzeuge, die in 10.000 Meter Höhe über uns hinweg flogen.

Nach stoischen 8Stunden zeigte das GPS-Gerät exakt 20 Kilometer seit unserem Aufbruch vomletzten Camp an - keinen Meter mehr, es reichte! Wir waren zufrieden, diezweite Expeditionswoche so gut begonnen zu haben.

Bei bestem Wetter - Sonnenschein und Windstille - liefen wir am 7. Mai eine Stunde länger. Wir schafften einen neuen Tagesrekord von 22 Kilometern und überschritten zudem bereits am Mittag die 2000 Meter-Höhenlinie. Damit lagen wir genau im Plan. Ein Anteil am bisherigen Erfolg hatte dabei das in den letzten Tagen überwiegend gute Wetter.

Ganz anders erging es einer kommerziellen englischen Expedition, deren 8 Teilnehmern wir begegneten. Sie waren auf dem Rückweg zur Ostküste, da sie aufgrund schlechten Wetters ihren eng gesteckten Zeitplan in Richtung Westküste nicht mehr einhalten konnten.

In der folgenden Nacht fiel die Temperatur im Zelt bis auf minus 18 Grad.
Aber nur einige Stunden später am Morgen saßen wir bei 23 Grad plus mit
einem Kaffee in der Hand in unserem Stoffhaus, auf das seit 4 Uhr die Sonne
schien. Das wird ein schöner Tag - dachten wir uns. Aber weit gefehlt!

Nacheiner Marschstunde war der Himmel wolkenverhangen und es schneite leicht.Hinzu kam mal wieder ein eisiger Wind, der wenige Minusgrade deutlich kältererschienen ließ. Zu allem Überfluss das größte Übel: große Sastrugifelder.Sie begleiteten uns den ganzen Tag und wir versuchten in einem Zickzack-Kursdie mächtigsten zu umschiffen. So standen am Tagesende nur 18,4 Kilometer imLogbuch.

Milchreis zum Frühstück


Mittwoch und Sonntag eine Packung Chips - Abendsnach getaner
Arbeit die Zelttür hinter sich schließen und den Windaussperren - gute
Stimmung im Team - SMS-Nachrichten bekommen - mit Musik inden Ohren in die Abendsonne laufen - Kaffee und Milchreis zum Frühstück -wenn aus Wind Windstille wird - mindestens 20 Kilometer am Tagschaffen


Der neue Tag begann mit 30 Grad plus im Zelt. Kaumauszuhalten und
entsprechend gerne starteten wir in den windstillen,sonnigen Tag. Nach den
Peitschenhieben in Form von Sastrugis und kaltem Windam Tag zuvor, gönnte uns das Wetter nun eine Verschnaufpause.

OhneHandschuhe und dicke Jacke legten wir 20 Kilometer zurück und die Pausen inder wärmenden Sonne waren Zuckerbrot für die Seele. Nach dem Durchzug vonSchneewolken, durch die wir die Sonne nur noch als fahlen Punkt wahrnahmen,war in den späteren Abendstunden der Himmel wieder klar und nur ein leichterWind wehte über die Landschaft. Rasch fiel die Temperatur draußen auf minus25 Grad und wir machten es uns in unseren Schlafsäckengemütlich.

Das erste Mal Skilaufen


Als wir uns in der letzten Nacht in die warmenSchlafsäcke kuscheln wollten,
funktionierte an meinem Schlafsack derReißverschluss nicht. In Erwartung
der bisher kältesten Nacht, keine schöneAussicht! Zum Glück konnten wir das Problem reparieren und die 30 Grad Kälteunbeschadet überstehen.

Am Morgen ist es trotz Sonne noch so kalt, dass unsbeim Verlassen des Zeltes sofort die Nasen beim Atmen gefrieren. Miteiskaltem Wind ging es weiter. Noch immer gibt es viele Sastrugi-Felder,doch zusammenhängende geschlossene Schneeflächen nehmen zu und ermöglichenes uns zum ersten Mal, halbwegs "klassisch" Ski zu laufen. Im Laufe desTages zog es sich zu und es begann leicht zu schneien.

Die Konturenverschwommen und wir ließen es nach erneut 20 Kilometern gut sein undgenossen den Abend im Zelt mit Kaffee, Kartoffeleintopf und Mousse auChocolat. Dazu las Jerome aus "34 Tage / 33 Nächte" von Andreas Altmann vorund wir hatten großen Spaß.



Wir sind nun auf gut 2300 Meter Höhe,etwa 2 Tagesmärsche vom höchsten Punkt unserer Route entfernt, und bis zuunserem nächsten Ziel, der Radarstation DYE II, sind es noch 172Kilometer.