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Tagebuch einer Expedition 1: Durch den Sturm in der Eiswüste

Tagebuch einer Expedition 1: Durch den Sturm in der Eiswüste

Der Wichlinghauser Martin Hülle ist in der Eiswüste Grönlands unterwegs. Von dort aus berichtet er ausführlich für die Leser der WZ.

Wuppertal/Grönland. Die Anreise nach Tasiilaq in Ost-Grönland verläuft ohne Probleme. Doch unser Expeditionsgepäck, das wir schon vor etwa zwei Wochen verschickt hatten, war noch nicht eingetroffen. Ob diese Verzögerung Einfluss auf den weiteren Expeditionsablauf haben sollte, ließ sich noch nicht absehen - in der Arktis braucht es, wie immer, Geduld.

Frühlingsanfang: Bei knapp über null Grad im T-Shirt

Einer Erkundung Tasiilaqs stand nichts im Weg. Viele Grönländer verbrachten den Tag auf dem zugefrorenen Fjord unterhalb des Ortes beim Eisangeln, und dass man dabei so einiges am Haken hat, zeigten die fast an jedem Haus zum Trocknen aufgehängten Fische. Trotz der überschaubaren Zahl von etwa 1800 Einwohnern, ist Tasiilaq dennoch die größte "Stadt” Ostgrönlands, gesegnet mit aller wesentlichen Infrastruktur wie Krankenhaus, Supermarkt und Dorfdisco. Vor den Häusern parkten Motorschlitten, Müll lag allerorts herum, und vereinzelt waren Grönlandhunde angekettet. Bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt spielten Kinder auf den lehmigen Straßen in kurzen Hosen und im T-Shirt - ein klarer Frühlingsanfang für Inuit!

Mit dem Helikopter über ie Fjorde

Am Montag sicherte uns eine freundliche Dame von Air Greenland zu, dass das Gepäck gegen Mittag eintreffen soll. Eine knappe Sache, da der nächste Flug nach Isortoq, dem Startpunkt unserer Expedition, schon um 14 Uhr ging. Sollte nur ein einziges Teil der Ausrüstung fehlen, hätten wir mindestens eine Woche in Tasiilaq festgesessen, da vorher kein weiterer Helikopter nach Isortoq geflogen wäre. Umgehend haben wir die Expedition bei der lokalen Polizeistation angemeldet und die restliche Ausrüstung gepackt. Wir waren gerade rechtzeitig zurück zum Heliport, wo ein Polizist schon wartete, um das Expeditionsgepäck in Augenschein zu nehmen. Mit Herzklopfen standen wir gemeinsam am Fenster und zählten unsere Gepäckstücke, die aus dem Heli ausgeladen wurden. 7 - alles war da! Nach kurzer Prüfung checkten wir das gesamte Gepäck wieder ein (rund 200 Kilo) und kurz darauf hoben wir ab zum Flug entlang der Küste, vorbei an zugefrorenen Fjorden und über mächtige
Eisberge.

Isortoq ist eine winzige Ansiedlung unweit des Inlandeises, welches wir nun zum ersten Mal am Horizont erblickten. Im Gemeindehaus durften wir übernachten und hatten Platz, unsere Ausrüstung für den endgültigen Aufbruch zu verpacken. Da die Wetterprognosen für die nächsten Tage gut waren, wollten wir keine Zeit verlieren und waren glücklich, es an dem Tag bis Isortoq geschafft zu haben.

Einletztes Mal beheizte Räume

Nach einer letzten Nacht in beheizten Räumen dachten wir, es geht von nun an hinaus in die Kälte. Doch schon früh am Morgen brannte die Sonne vom blauen Himmel herunter. Bevor wir aufbrachen, durchstreiften wir Isortoq, mit 100 Einwohnern für uns die letzte Ansiedlung vor dem Erreichen der Westküste in einem Monat. Die Strecke war am ersten Tag zum Glück einfach, denn sie führte zum großen Teil über zugefrorene Fjorde und einen See, über die unsere schwer beladenen Pulka-Schlitten gut glitten.

Am Nachmittag stieg die Temperatur in der Sonne bis auf 15 Grad - wir wären am liebsten in kurzen Hosen gelaufen, doch wegen der Gefahr eines Sonnenbrandes verzichteten wir darauf. Nach 12 Kilometer Strecke lag unser erstes Camp etwa 120 Meter hoch, oberhalb eines Sees, direkt im Anstieg auf das Inlandeis. Der Ausblick war phänomenal, täuschte aber leider nicht darüber hinweg, dass wir in den nächsten Tagen noch mehr als 1000 steile Höhenmeter zurücklegen mussten.

Am Abend 900 Höhenmeter erreicht

Daher war am folgenden Tag unsere Priorität, so viele Höhenmeter wie möglich zu machen. Wichtiger als die Distanz war laufend die Frage, wie viel Höhe wir schon erreicht haben. Es hatte sich gelohnt: In 7,5 Stunden schafften wir rund 800 Höhenmeter, so dass unser Zelt am Abend auf exakt 900 Metern stand. Außer einigen schwierigeren Passagen, an denen raue blanke Eisbuckel zu überwinden waren, hatten wir optimale Bedingungen. Die dünne Schneeauflage auf dem Gletscher ist fest gefroren, daher glitten die Pulkas auch in dem steilen Gelände gut. Wir sind direkt Kurs Nord gelaufen, weil wir westlich liegende Spaltenzonen weiträumig umgehen mussten.

Am Tage war es erneut sehr warm, aber nachdem die Sonne untergegangen war, waren es bereits minus 5 Grad. Wir blickten auf das zugefrorene Meer in der Ferne, welches schon so weit entfernt war, dass sich kein Ursus Maritimus, ein Verwandter von Knut und Flocke, mehr hier herauf getraut hätte, gab es doch neben uns hier nichts lebendiges mehr, was seinen Hunger hätte stillen können.

Plötzlich kommt der Sturm: Wind von bis zu 100 km/h

Am Morgen des 1. Mai sah es erneut nach einem ruhigen Tag aus. Doch nur eine Viertel Stunde später, setzte plötzlich starker Wind ein, der uns den ganzen Tag begleitete. Aus dem Wind wurde bald ein starker Sturm, der gegen Mittag seinen Höhepunkt mit Geschwindigkeiten von nahezu 100 Stundenkilometern erreichte.

Äußerst mühsam kämpften wir gegen den Nordwind an, der uns frontal ins Gesicht blies. Vor sich her trieb er feuchten Schnee, der sich auf Kleidung und Schlitten ablagerte. Bis zum Nachmittag schafften wir gerade mal knappe zehn Kilometer, waren aber dennoch froh, ein gutes Stück über die 1000 Meter Höhenlinie gekommen zu sein, da dort die gefürchtete Piteraq-Zone ausläuft. Dieser zerstörerische Fallwind kann an den Küsten Ost-Grönlands mit bis zu 300 km/h vom Inlandeis über die Gletscher zu Tal ziehen.

Wir waren gewarnt und bauten zum Schutz des Zeltes eine Schneemauer auf. Glücklicherweise legte sich der Wind zum Abend und es blieb ein leichtes Schneetreiben vor der untergehenden Sonne.Im Laufe der Nacht nam der Wind wieder an Heftigkeit zu und erreichte Sturmstärke an Schlaf war kaum mehr zu denken. Die Zeltwände flatterten extrem laut, als würde auf eine Trommel eingehauen. Zudem bangten wir, ob unsere errichtete Windmauer standhalten würde.

Bei Sturm kaum auf den Beinen zu halten

Gegen halb Vier die Sonne ging gerade auf verließen wir das Zelt, um alle Verankerungen zu prüfen. Außerhalb des Zeltes konnten wir uns kaum auf den Beinen halten, so stark wehte der Wind. Ein Teil der Windmauer war eingestürzt, in aller Eile versuchten wir den Schutz wieder aufzurichten und stellten zusätzlich die beiden Pulkas übereinander gegen die Wand. Bis zum Morgen glaubten wir nicht, dass wir an dem Tag losgehen könnten, aber gegen 11 Uhr schlief der Wind endlich ein.

Deshalb gab es nur ein Halbtagesetappe über vom Wind geformte Sastrugis. Bei blauem Himmel und lauem Lüftchen holperten die Schlitten über die endlose Landschaft. Unser viertes Camp war wunderschön gelegen mit einem letzten Blick auf die Fjorde in der Ferne.Nachdem wir von Isortoq auf das Inlandeis hinaufgestiegen sind, ist unsere Marschrichtung seit Samstag Kurs 321, also West-Nordwest.

Nächstes Ziel: Eine verlassene Radarstation in der Kälte

Die kommenden zwei Wochen wird sich daran auch nichts ändern, denn das Ziel ist die verlassene amerikanische Radarstation DYE II. Diese steht inmitten des Inlandeises und ist für uns das nächste Etappenziel vor Erreichen der Westküste. Die 345 km bis dorthin wollen wir in zwei Wochen bewältigen. Von dort sind es dann noch weitere 150 km bis zu Endpunkt der Expedition in Kangerlussuaq.

Dabei hoffen wir, dass das Terrain einfacher sein wird als zuvor. Ein Meer von Sastrugis bis zum Horizont vom Sturm gebildete, meterlange Eisrippen und dazwischen badewannengroße Senken machten das Vorwärtskommen zuletzt zu einem Kraftakt. Mehrmals kippten unsere Pulkas um, rutschen in Löcher und mussten mit geballter Energie wieder heraus gezogen werden.Aber über allem liegt die Erhabenheit des endlos erscheinenden Inlandeies, welches sich nun vor uns ausbreitet, je weiter wir uns von der Ostküste gen Westen entfernen.