Campus Wuppertal: Studieren gegen den Willen der Eltern

Campus Wuppertal : Studieren gegen den Willen der Eltern

Studierende haben Anrecht auf die finanzielle Unterstützung des Studiums durch ihre Eltern - auch wenn diese das nicht wollen.

Wuppertal. „Ich war am Boden zerstört. Alles was ich geschafft hatte, um meinem Ziel näher zu kommen, wurde nicht anerkannt, sogar schlecht geredet. Ich wusste nicht mehr, ob ich dieses Ziel überhaupt erreichen würde oder konnte.“ Die 26-jährige Studentin Viktoria hat ein schweres Studium hinter sich. Doch es war nicht etwa der Lernstress, der sie beinahe daran gehindert hat, ihr Studium abzuschließen, sondern ihr Vater. Er hatte entschieden, sie bei ihrem Masterstudium nicht mehr finanziell zu unterstützen - und dass, obwohl er dazu verpflichtet war und seine finanzielle Situation es zuließ.

„Mein Ziel Historikerin zu werden, setzt ein Masterstudium voraus. Ich hatte keine Wahl,“ sagt die Geschichtsstudentin. Wie aber das Studium finanzieren, wenn ein Elternteil sich weigert, Unterhalt zu zahlen und durch das hohe Einkommen der Eltern kein Bafög fließen kann? Die erste Anlaufstelle in solchen Situationen ist das Bafög- Amt Wuppertal.

„Mit Fällen von geleisteten Vorausleistungen hatten wir im Bewilligungszeitraum Oktober 2015 bis September 2016 insgesamt 61 Mal zu tun.“ berichtet Sandra Bischoff, Abteilungsleiterin des Wuppertaler Bafög Amts. „In den meisten Fällen sind es die Väter, die sich weigern, finanzielle Unterstützung zu leisten. Wir verweisen dann auf die Regelung auf Vorausleistung.“

Das Bafög Gesetz regelt in Paragraf 36 die Vorausleistungen der Ausbildungsförderung. Diesen Antrag stellte auch Viktoria. Ihr Unterhaltsanspruch ging auf das Land NRW über, welches jetzt die gezahlte Summe von Viktorias Vater zurück fordert. Natürlich hinterlässt ein solcher Behördengang Spuren.

„Das Verhältnis zu meinem Vater war auch vorher schon schwierig. Er hat mein Studium nicht als richtig erachtet, sagt Viktoria, die sich an seinen Spruch erinnert, Studierte seien alle Labertaschen und lernten kein richtiges Handwerk. Die Drohungen und Anschuldigungen, die nach der Antragsstellung auf Vorausleistung von Seiten des Vaters folgten, ließen Viktoria emotional verzweifeln. Sie fing an, ihr Studium in Frage zu stellen. Außerdem bekam sie immer öfter Panikattacken, die sich auch schon bald auf das Studium auswirkten. „Ich brauchte Hilfe“, sagt die 26-jährige.

Diese Hilfe fand Viktoria an der Bergischen Universität Wuppertal. Die Organisation Arbeiterkind war die erste Anlaufstelle, die Victoria besuchte. Arbeiterkind wurde 2008 gegründet und ist eine bundesweite Organisation, die sich für Studenten einsetzt, die unter anderem als erste in ihrer Familie studieren oder Hilfe bei dem Übergang von Schule zur Uni brauchen.

„Die Bewerbung für Stipendien ist ein häufiges Thema, weil sich Arbeiterkinder weniger für Stipendien bewerben als andere“, sagt Jenny Schmidt, Mitarbeiterin der Arbeiterkind Ortsgruppe Wuppertal. Zwischen den einzelnen Einrichtungen findet ein überregionaler Erfahrungsaustausch statt.

„Für Arbeiterkinder ist es deutlich schwieriger sich an der Uni zurechtzufinden, weil ein Kommunikationsforum fehlt“, sagt Schmidt. Oft würden Hierarchien viel strenger genommen und es fiele ihnen schwerer, Gutachten von Professoren einzuholen. Besonders schwierig sei es, Verständnis für den langen Ausbildungsweg zu finden, wie in Victorias Fall.

„Die Mitarbeiter bei Arbeiterkind gaben mir das Gefühl, mein Problem nachvollziehen zu können“, so Viktoria, „ich habe Zuspruch für meine Entscheidung einen Vorausleistungsantrag zu stellen gefunden. Dadurch habe ich mich nicht mehr so alleine gefühlt.“ Viktoria besuchte außerdem die psychologische Sprechstunde der Zentralen Studienberatung der Uni Wuppertal.

„Ich hatte die Hoffnung, dass mir richtige Psychologen bei meinen Panikattacken helfen konnten“, sagt sie. Diese bekam sie meistens, wenn ich Referate halten sollte. Die Psychologen der Zentralen Studienberatung bieten neben einer wöchentlichen Sprechstunde auch Einzelcoachings an. Im Fokus stehen unter anderem Stress, Überforderung, Konflikte mit der Familie, Prüfungs- und Redeängste, aber auch Schreibblockaden sowie Lern- und Arbeitsschwierigkeiten.

„In meinem Einzelcoaching nahmen wir uns wirklich viel Zeit ein Referat durchzugehen und mir die Angst zu nehmen“, sagt Viktoria. Außerdem wurde ihr geraten, eine Therapiestelle zu suchen, um auch längerfristig gegen ihre Ängste vorzugehen. berichtet Viktoria. Sie befindet sich mittlerweile am Ende ihres Masterstudiums.

Kristin Lange studiert im Masterstudiengang Editions- und Dokumentwissenschaft und schreibt für die Campus-Zeitung Blickfeld.

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