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Studie zeigt: So kann Wuppertal bis 2035 klimaneutral werden

Klimapolitik : Wuppertal will Vorreiter in Sachen Klimaneutralität sein

Das Wuppertal-Institut hat eine Sondierungsstudie vorgestellt. Beleuchtet werden die Herausforderungen und Chancen für Wuppertal auf dem Weg zur Klimaneutralität 2035.

Wuppertal soll bis zum Jahr  2035 klimaneutral werden. Dieses Ziel hatte Oberbürgermeister Uwe Schneidewind in seinem Zukunftsprogramm #Fokus _ Wuppertal ausgegeben. Das Wuppertal Institut hat nun am Donnerstag eine 90 Seiten starke Sondierungsstudie vorgestellt, in der  die  Herausforderungen und Chancen bei der Umsetzung dieser Zielvorgabe für die Privathaushalte, Unternehmen und Verwaltung  beschrieben werden.

Es ist ein ehrgeiziges Ziel, das Uwe Schneidewind für Wuppertal formuliert hat, denn erst vor wenigen Tagen hat der Bundestag das neue Klimaschutzgesetz verabschiedet und die  Klimaneutralität ab 2045 anvisiert. Der Bundestag hatte damit auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts (BVG) reagiert. Die Karlsruher Richter hatten das ursprüngliche Ziel, Klimaneutralität  ab 2050,  im Hinblick auf die Interessen nachfolgender Generationen gekippt, die von den Folgen des Klimawandels stärker betroffen sein werden. 

Wuppertal will schneller sein als der Bund und im Verbund mit Städten wie Köln, Bonn, Aachen und den Bergischen Nachbarn Solingen und Remscheid eine Vorreiterrolle einnehmen. Anja Bierwirth, Leiterin des Forschungsbereichs Stadtwandel am Wuppertal Institut, stellte  Eckpunkte der Studie vor. Vom Energieverbrauch in Gebäuden über Veränderungen der Mobilität bis hin zur Kreislaufwirtschaft in der Industrie und in anderen Unternehmen reicht das Spektrum.   Der Energieverbrauch – also Wärme, Strom und Verkehr – auf dem Stadtgebiet müsste laut  der Studie von rund 9,5 Terawattstunden im Jahr 2020 auf  4 Terawattstunden pro Jahr gesenkt werden. Das entspricht 57 Prozent weniger. Während heute gerade einmal  12 Prozent Wärme über erneuerbare Energien, Fernwärme oder strombasiert abgedeckt werden, müssten es im Jahr 2035 rund 88 Prozent sein.

„2035 ist eine Herausforderung, aus heutiger Sicht mögen diese Ziele nicht realistisch klingen“, sagte Anja Bierwirth. Sie ist aber zuversichtlich, dass es bis dahin möglich sein wird, Strom klimaneutral zu produzieren. Dazu müsse der Strom in Deutschland aber insgesamt erneuerbar sein. Trotz dieser bereits extrem ambitionierten Annahmen blieben  im Jahr noch gut 87 000 Tonnen CO2 übrig, die in Wuppertal jährlich emittiert werden – rund drei Prozent des heutigen Levels.

Prof. Manfred Fischedick, wissenschaftlicher Geschäftsführer des Wuppertal Instituts, wies am Beispiel der Starkregenereignisse und  der Hitzewelle in Kanada auf die extreme Zunahme der  Wetterextreme hin. „Es bewegt sich etwas auf internationaler  Ebene, und 13 Tage nach dem BVG-Urteil ist vom Bundestag  bereits das neue Gesetz verabschiedet worden. Die Umsetzung muss aber lokal erfolgen, in den Unternehmen, in den Privathaushalten und in den Kommunen. Vorreiterstädte sind da von großer Bedeutung“, sagte Prof. Manfred Fischedick. Die Frage sei: Wie dick sind die Bretter, wie stark sind die Bohrer, die man  ansetzen könne?

Bei  der Umsetzung der Theorie in die Praxis ist vor allem Oberbürgermeister Uwe Schneidewind gefragt. Der dankte dem Wuppertal Institut für diese Studie, die als Geschenk an die Stadt in aller Klarheit die Möglichkeiten und Herausforderungen des Wandels deutlich mache. Der Transformationsprozess sei alles andere als ein Selbstläufer, denn  Stadtgesellschaften verhakten sich schon einmal bei kleinen Schritten.

Schneidewind geht davon aus, dass nach der  Bundestagswahl im Herbst  und nach der Landtagswahl im kommenden Mai mit der konkreten Umsetzung und politischen Beschlüssen zu rechnen ist.  Erst wenn die künftigen politischen Mehrheiten feststehen,  wird auch das Thema „Finanzierung der Transformation“  angegangen werden können.  „Eine Stadt alleine kann das Ziel der Klimaneutralität nicht erreichen, auch Wuppertal nicht“, sagt Anja Bierwirth. Ihre  Aussage trifft nicht nur auf energetische, sondern  auch auf finanzielle Aspekte zu, denn ohne die Fördertöpfe der Europäischen Union, des Bundes und des Landes NRW wird Wuppertal sein Klimaziel 2035 nicht erreichen können.

Doch auch in Wuppertal dürfte es Widerstände gegen einzelne Zielvorgaben geben. Ein Konflikt zeichnet sich bei der in der Studie genannten Null-Flächen-Politik ab, der ein Beschluss des Rates der Stadt Wuppertal mit dem Auftrag an die Verwaltung gegenübersteht, jeweils mehr als 100 Hektar an neuen Flächen für Wohnbebauung und Gewerbe auszuweisen. „Die Studie zeigt, dass wir mit der Inanspruchnahme von Grünflächen vorsichtig umgehen sollten. Aktuell zeichne sich keine Mehrheit im Rat für einen kompletten Versiegelungsstopp ab“, sagt Uwe Schneidewind.