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Stolpersteine in Wuppertal: Verdrängen ist keine Option

Gedenken : Verdrängen ist keine Option

Kerstin Spitzl engagiert sich im Verein Stolpersteine.

Als es vor rund 20 Jahren an der Haustür von Familie Winnacker-Spitzl am Forsthof klingelte, konnte niemand ahnen, welch innige Freundschaft sich für die Betroffenen daraus entwickeln sollte. Der Grund für den unerwarteten Besuch hatte einen traurigen Anlass und reichte noch viele Jahre zurück bis in die dunkle Zeit des Nationalsozialismus.

Textilkaufmann Max Meier Sternberg gründete 1897 in Elberfeld „Ganz und Sternberg“, eine Kleiderfabrik für Herrenbekleidung. Bis 1938 überstand sie die Wirtschaftskrise und den Boykott jüdischer Firmen. Dann erfolgte, im Rahmen der „Arisierung“, der Zwangsverkauf. Das Ehepaar Max Meier und Henny Sternberg verlor ihre Wohnung, landete in einem sogenannten „Judenhaus“ an der Wortmannstraße und wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo die beiden verstarben. Ihre drei Kinder konnten frühzeitig emigrieren und entkamen so dem Holocaust. Sohn Hans gelangte über England in die USA. Mit dabei seine Frau Mary und die 1937 geborene Tochter Gabriele. Und eben jene Tochter, Enkelin von Max und Henny Sternberg, klingelte an dem Haus am Forsthof. Denn hier hatten ihre Großeltern gewohnt.

„Aus der ersten Begegnung entwickelte sich eine Freundschaft, die bis in die heutige Zeit anhält“, erzählt Kerstin Spitzl. Ein weltoffener und toleranter Ort war das Haus ihrer Familie schon damals. Mutter Liselotte Winnacker-Spitzl und Tochter Kerstin gehören zu denen, die sich mit der Aufarbeitung der Geschichte der Juden in Wuppertal engagiert beschäftigten. Als 2006 der Verein „Stolpersteine in Wuppertal“ gegründet wurde, war Kerstin Spitzl für ein paar Jahre im Vorstand aktiv. Der Verein unterstützt das Projekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig um mit der Verlegung von Stolpersteinen an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zu erinnern.

2013 wurden für Max und Henny Meier Sternberg in der Moltkestraße Stolpersteine verlegt. „Für uns war es selbstverständlich, dass wir unsere Freunde zur Niederlegung nach Wuppertal einladen“, berichtet Spitzl. Neben Enkelin Gabriele war auch die Urenkelin Alicia dabei. „Es war etwas ganz Besonderes für die Familie. Es war für sie ein Zeichen der Anerkennung und sie haben so etwas wie Frieden finden können“, erinnert sich Kerstin Spitzl an den Tag. Weitere Steine wurden für die Familie Ulmann in der Goebenstraße verlegt. Auch hier kamen Familienangehörige zur Verlegung. Sohn Gerd Ulmann, der Vetter von Gabriele Sternberg, kam als Zehnjähriger ins Ghetto der weißrussischen Hauptstadt Minsk, wo sich seine Spur verlor. Eine Freundschaft gibt es auch mit den Urenkeln der Eheleute Dr. Theodor und Elli Plaut, deren ehemaliges Haus Am Forsthof war. Bei der Verlegung der Stolpersteine dort waren die Urenkel aus Tel Aviv anwesend.

Die bewegenden Momente hat Liselotte Winnacker-Spitzl für alle mit der Kamera festgehalten, zu einem Buch binden lassen und als Fotodokument nach Israel und in die USA geschickt. „Nach neun Wochen ist es endlich an seinem Bestimmungsort in Israel angekommen“, sagt Spitzl erfreut und zeigt auch eine E-Mail aus den USA. „Es ist so wunderbar….thank you for this wonderful memory“ heißt es darin.

Verdrängung der Vergangenheit ist für Spitzl keine Option. Sie selber hat in den USA und in Israel gelebt, plädiert generell für Offenheit gegenüber allen Kulturen und keinen Verschluss aus Angst und Unkenntnis: „Nur im Begegnen besteht die Chance Freundschaften, zu schließen und voneinander zu lernen.“ Besonders freut es sie, dass es zur Zusammenarbeit mit Schulen kam, die sich um die Reinigung der Steine kümmert.