Soziales: Stippvisite an der Straßenecke

Soziales : Stippvisite an der Straßenecke

Das Medi-Mobil der Tafel fuhr jetzt zum ersten Mal mit einem Zahnarzt die Junkie-Treffs in der Stadt an.

Es ist ein ungemütlicher Abend auf der „Platte“ am Wichlinghauser Markt. Eine Gruppe junger Leute hat der Straße den Rücken zugewandt und kämpft mit Bierdosen in der Hand gegen die Kälte an. Eine Marihuana-Wolke wabert durch die Luft. Plötzlich verdrängen Scheinwerfer die Dunkelheit. Die Schiebetür eines weißen Transporters öffnet sich. „Hat hier jemand Probleme mit den Zähnen?“ Aus einer Ecke, die von den Straßenlaternen nicht mehr erreicht wird, schiebt sich ein Gesicht zur Hälfte ins Licht. Ein grimmiger Halbmond.

Maria Alvarez (Namen von der Redaktion geändert) steht als erstes vor dem Wagen. Heute ist das sogenannte Medi-Mobil besonders gefüllt. Alvarez sieht zwei bekannte Gesichter, die jeden Donnerstagabend an den Junkie- und Trinker-Treffs der Stadt helfen: Da ist Peter Krampen, zweiter Vorsitzender der Wuppertaler Tafel, und Dr. Michael Bönig vom Helios-Klinikum. Dieses Mal stehen erstmals auch noch die Zahnärzte Dr. Kristian Bienek und Dr. Jessica Beckers im Licht des medizinischen Mobils. Eigentlich ist Alvarez nur für Medikamente gekommen: Magnesium und eine Salbe für ihren angegriffenen Meniskus. Doch mit ein bisschen Überredungskunst lässt sich die 58-Jährige dieses Mal auch in den Mund sehen. „Sie müssten einmal eine Zahnreinigung bekommen“, empfiehlt Dr. Bienek. „Ja, die wird mir wegen meiner Zahnprothese sogar bezahlt“, sagt Alvarez und ist Sekunden später schon wieder auf dem Weg nach draußen. „Dieses Angebot ist echt super“, sagt die 58-Jährige noch. Sie nutze es seit mehr als zehn Jahren.

Das weitere Interesse an medizinischer Unterstützung ist heute gering. Peter Krampen glaubt, dass das am Datum liegt: „Die haben gerade alle Geld gekriegt. Dann interessiert sie erstmal nichts mehr.“ Die meisten kämen sowieso nur eben schnell, um sich Schmerztabletten oder eine Salbe abzuholen – gespendete Medikamente. Beliebt ist auch die sogenannte „Pferdesalbe“, die bei Gelenkschmerzen und Prellungen Linderung verschafft. Krampen sagt: „Es ist nicht so, dass Hartz-IV-Empfänger keine Medizin bekommen würden. Bei uns ist das allerdings unkomplizierter für die Leute.“ Das Medi-Mobil ist eine Apotheke, die zum Kunden rollt.

Oder eine Arzt-Praxis ohne Wartezimmer und Terminvereinbarung. Gelegentlich konsultieren die Menschen Dr. Bönig, der häufig Lungen abhört oder einen Blick auf entzündete Wunden und Ekzeme wirft. „Ich hatte aber auch schon jemanden hier, der mit einer Hirnblutung kollabiert ist“, sagt der Mediziner. In solchen Fällen übernimmt ein Krankenwagen. Auch Bienek zieht auf der „Platte“ keine Zähne. Er kann Menschen mit desolatem Gebiss nur empfehlen, ihn einmal in seiner Praxis zu besuchen, wo er unkompliziert helfen kann. Doch selbst Zahnschmerzen rechtfertigen offenbar in den allermeisten Fällen nicht die Reise aus dem Wuppertaler Osten nach Elberfeld. Dr. Bönig hat die Erfahrung gemacht: „Die Leute bleiben in ihren Vierteln.“

Das wird auch an der nächsten Station deutlich. An der Rosenau in Oberbarmen macht gerade auch die Essensausgabe der Tafel Halt und zieht eine Menschentraube an. Schnell hat sich auch eine Schlange vor dem Medi-Mobil gebildet. Die Menschen grüßen freundlich und geben anschließend eine Bestellung ab, so als würden sie gerade an der Luke beim Eismann stehen. Einmal sagt Krampen leicht verärgert: „Leute, wir sind doch keine Apotheke.“

Ein Mann mit aufgeschnürten Turnschuhen wagt sich auf den Zahnarzt-Stuhl von Dr. Bienek. Zum Ärger von Peter Krampen hat er seine Gulasch-Suppe im Plastik-Teller mit zur Behandlung genommen: „Das geht nicht. Ich hab’ dir das schon mal gesagt.“ Der Doktor stellt fest: „Da sind einige Löcher in den Zähnen. Karies.“ Das nimmt der Mann zur Kenntnis und sucht schnell das Weite. Dr. Bienek wird ihn wohl nicht wiedersehen.

Martina Gutmann (48) ist an der Reihe und verlässt das Medi-Mobil kurz darauf zufrieden mit einer Salbe für entzündete Zahnhälse. Die Frau mit einer bunten Umhängetasche geht nicht gerne zum normalen Arzt. Und das kann sie auch erklären: „Man hat zu den Leuten hier einfach mehr Vertrauen“, findet sie. „Die sind einfach herzlicher.“

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