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Stephanie tanzt nach oben

Stephanie tanzt nach oben

Ein Schwerpunkt der Transformation des Tanztheaters Pina Bausch ist die Nachwuchsförderung.

Transformation ist ein technisches, ein vielschichtiges Wort. Bei Adolphe Binder steht es für den Weg, den das Tanztheater Wuppertal Pina Bausch in die Zukunft geht. „Leben ist Erneuerung, sie passiert unausgesetzt, man sollte sie besser umarmen“, lächelt die Intendantin, blickt zugleich auf ihr erstes Jahr zurück, das ein temporeiches, kreatives und auch bewegtes (gewesen) sei. Mit neuen Stücken (am 12. Mai und 2. Juni gibt es Uraufführungen), Öffnung in die Stadt, Weitergabe der Arbeiten Pina Bauschs — und gezielter Nachwuchsarbeit durch Einbindung jüngerer Tänzer. Das Ensemble mit seinen 36 Tänzern von 23 bis 67 Jahren wird neu zusammengeschweißt. In einem „organischen, nicht disruptiven Prozess schaffen wir mit und im Ensemble eine künstlerische Perspektive, die an die Bausch-Identität der Kreativkraft knüpft“, verspricht Binder. Mittendrin die junge Stephanie Troyak, eine von fünf Neuzugängen 2017.

2014 sah Stephanie Troyak eine Aufführung von Pina Bauschs „Kontakthof“ in New York. Die 19-Jährige beneidete die Künstler, ging davon aus, nie Teil von Pinas Theater werden zu können, weil diese tot war. Doch es kam anders. Im Sommer 2016 suchte das Tanztheater nach Tänzern. Die Kanadierin bewarb sich, ohne sich wirklich Chancen auszurechnen. Ihres jungen Alters und der internationalen Konkurrenz wegen. 1500 Bewerbungen gingen damals in Wuppertal ein, 120 Kandidaten wurden zum dreitägigen Vortanzen eingeladen, um zu zeigen, ob sie das breite Repertoire Bauschs bewältigen und zugleich Eigenes in den laufenden Kreationsprozess einbringen konnten. Binder: „Stephanie ist sehr jung, muss noch viel lernen, doch sie hat eine tolle Präsenz und viel Potenzial, ist offen. Lernen ist für uns alle ein lebenslanger Prozess.“

Für Troyak war schon das Vortanzen im Oktober 2016 wegen der Begegnung mit den Tänzern, die Pina Bausch noch erlebt hatten und der, nicht zuletzt in der Lichtburg, fühlbaren Präsenz der legendären Choreographin eine glückliche Erfahrung: „Ich wollte weinen vor Freude. Es war einfach toll und herausfordernd zugleich.“ Seit August 2017 ist sie festes Ensemble-Mitglied, hat die „charming city“ Wuppertal inzwischen ins Herz geschlossen. Sie spielte in mehreren Stücken, war mit auf Tournee , ergatterte eine Hauptrolle in „Die sieben Todsünden“. Mit Anna II, in der Uraufführung 1976 von Josephine Ann Endicott getanzt, übernahm sie eine heftige Rolle um eine junge Frau, die brutaler Macht ausgesetzt ist, das bedarf „einer starken Persönlichkeit“, so Binder. Eine riskante Entscheidung, die sich die Intendantin nicht leicht machte, die aber vom Ensemble mitgetragen wurde und aufging, „weil Stephanie es spitzenmäßig verkörperte“. Adolphe Binder erklärt: „Ich möchte Jüngeren die Chance geben, auf die Bühne zu kommen. Erfahrung macht den Meister.“ Außerdem, so freut sie sich, sei es schön gewesen, Stephanie und Jo Ann Endicott zusammen auf der Bühne zu sehen. Ein Bogen durch die Zeit in die Zukunft. Wie die neuen Kreationen.

Aktuell dreht sich Troyaks Leben um das „Neue Stück II“, das Choreograph Alan Lucien Øyen gemeinsam mit dem Ensemble in einer Art Laborsituation erarbeitet. Sie genießt es, mit den Künstlern zusammenzuarbeiten, die so „reich an Ideen, Erfahrung und Erinnerung“ sind. Ihr Alter spiele keine Rolle, weil sie zum Team gehöre, akzeptiert werde, Freunde gewonnen habe.

Die Kanadierin ist angekommen in der Tanzkompanie, die, so Binder, ein eigener, vorbildlicher Mikrokosmos sei, in dem 18 Nationen friedlich und kreativ koexistieren. „Die Energie im Ensemble ist sehr schön. Der (Transformations-)Prozess hat sich schon gelohnt. Authentizität, Transparenz und Aufrichtigkeit müssen seine Kern-Qualitäten sein, das Ensemble Wirbelsäule eines dem Mut verschriebenen Pina Bausch Zentrums werden.“