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Zehn Jahre Trauerstätte: Ein besonderer Ort der Begegnung

Zehn Jahre Trauerstätte: Ein besonderer Ort der Begegnung

Pfarrerin Sylvia Wiederspahn im Gespräch über Gedenken, Trost und die Trauerstätte.

Frau Wiederspahn, vor zehn Jahren wurde die Trauerstätte für verstorbene Kinder auf dem Evangelischen Friedhof an der Ehrenhainstraße eingeweiht — ist das Thema Trauer nicht so langsam ausgereizt?

Sylvia Wiederspahn: Aber ganz und gar nicht! Es bleibt aktuell, weil immer wieder Schicksalsschläge, Todesfälle und Unglücke zu familiären Tragödien führen.

Es gibt aber auch sehr viel mehr Angebote für Trauernde als früher. Wird die Gedenkstätte noch wahrgenommen, wird sie besucht?

Wiederspahn: Erfreulicherweise ja. Wir sind sehr dankbar dafür, dass dieser besondere Ort nicht nur dauerhaft angenommen, sondern auch respektiert wird.

2003, bei seiner Vorstellung, hat das Projekt überregionale Beachtung gefunden. Kommen immer noch Besucher von weit her, um die Trauerstätte zu besuchen?

Wiederspahn: Hin und wieder schon, und es sind im Laufe der Jahre ja auch Kontakte entstanden. Unser Kreis der Initiatorinnen und Betroffenen trifft sich mehrmals jährlich — und natürlich gibt es immer im September den Gedenkgottesdienst an der Trauerstätte, diesmal am Sonntag, 15. September.

Was hat sich in den zehn Jahren zum Thema Trauer und im Umgang mit ihr verändert?

Wiederspahn: Wir leben in einer irrsinnig schnellen Welt, das zeigt sich jeden Tag im Alltag. Das zeigt sich aber auch im Umgang mit den Toten — so zynisch das klingt: Sie sind schnell vergessen.

Schneller als früher?

Wiederspahn: Ja, den Eindruck habe ich mittlerweile. Verlusterlebnisse anderer rücken in der Wahrnehmung rascher in den Hintergrund als noch vor Jahren. Das ist als menschliche Reaktion sicher verständlich, für Betroffene aber sehr schmerzlich. Und geradezu grausam, wenn es sich bei dem verstorbenen Angehörigen um einen Sohn, eine Tochter oder ein Geschwisterkind handelt.

Ist die heutige Gesellschaft also reizüberflutet und abgestumpfter als früher?

Wiederspahn: Reizüberflutet sind wir sicher alle. Doch abgestumpft — nein, da würde ich widersprechen. Ich erlebe heute nämlich in gleicher Weise eine größere Sensibilität für das Thema Trauer. Das Kunstwort ’Verwaiste Eltern’ hat mittlerweile allerorten Einzug im Sprachgebrauch gehalten.

Weil das Thema stärker thematisiert wird?

Wiederspahn: Und besser als früher. Es ist wichtig, dass die Situation, in der sich Trauernde befinden, einen Namen hat. Das ist ein Zeichen dafür, dass das Verständnis für diese besondere Ausnahmesituation größer geworden ist.

Woran merkt man das noch?

Wiederspahn: Es wissen einfach viel mehr Leute in der Stadt, dass es beispielsweise ein Sternenkindercafé gibt, dass es unsere Trauerstätte gibt, dass es einen Verein gibt, der sich um verwaiste Eltern kümmert. Diese Hilfen sind bekannter geworden. Wo es Rat und Trost gibt, wissen nicht nur die „Profis“, also Pfarrer und Bestatter sowie Mitarbeiter der Telefonseelsorge oder städtische Ansprechpartner. Eine gute Entwicklung.

Was müsste sich noch verbessern?

Wiederspahn: Es wäre einfach wirklich schön, wenn das Verstummen aufhören würde.

Verstummen?

Wiederspahn: Das Verstummen, wenn Verwandte, Nachbarn und Freunde nach einiger Zeit das Thema meiden. Am buchstäblichen ’Totschweigen’ sind schon Beziehungen und Freundschaften zerbrochen.

Was wäre das bessere Verhalten?

Wiederspahn: Einfach mal zu fragen „Wie geht es Euch?“ Oder eine Karte zu schreiben. Kleine Zeichen zu geben, die signalisieren: „Mensch, heute ist doch der Geburtstag deines Kindes, ich denke an dich“ — das ist oft schon genug. Es gehört Mut dazu, das Thema überhaupt anzusprechen.

Viele scheuen aber die Offenheit. Woran liegt das? Tabu? Hürde?

Wiederspahn: Es ist wohl eher Unsicherheit. Die Leute möchten nichts falsch machen und reagieren lieber gar nicht.

Vielleicht ist das den Betroffenen ja auch lieber?

Wiederspahn: Nach meiner Erfahrung empfinden viele Betroffene Teilnahme als positiv, als Wertschätzung ihrer Lebenssituation.

Sind die Trauernden selbst auch offener geworden?

Wiederspahn: In so einer Situation reagiert natürlich jeder anders. Es gibt Leute, die bekommen jedes Jahr eine Einladung zu unserem Gedenkgottesdienst an der Trauerstätte und nehmen nie teil — freuen sich aber trotzdem, eingeladen zu werden.

Würden Sie sagen, dass die Konfrontation mit der Trauer die bessere Option ist?

Wiederspahn: Das ist immer die bessere Option! Es heißt: Wer den Schmerz verdrängen will, der verlängert ihn nur. Und das stimmt einfach.