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Wie sich Gehörlose und Hörende verständigen

Wie sich Gehörlose und Hörende verständigen

Im Swane Café trafen sich Gehörlose und Hörende und verständigten sich in der Gebärdensprache.

Luisenviertel. Einen Kaffee ganz ohne Worte bestellen? Für viele Menschen kaum vorstellbar. Für rund 80 000 Menschen in Deutschland eine alltägliche Situation — laut dem Deutschen Gehörlosen-Bund. Im Café Swane an der Luisenstraße konnten am Wochenende bei der Veranstaltung „Sign It meets Swane“ hörende Menschen gemeinsam mit Gehörlosen in die Welt der Gebärdensprache eintauchen.

Studentin Frederike Höfermann (20) hat die Veranstaltung „Sign It“ (deutsch: gebärden) und die gleichnamige Eventagentur ins Leben gerufen. So funktioniert es: Über die Agentur bucht man für sein Lokal oder seine Veranstaltung — etwa eine Firmenfeier — gehörlose Kellner.

Damit sich mit ihnen auch hörende Menschen verständigen können, gibt es Handzettel mit Gebärdesprache-Vokabeln. Mit Hilfe der darauf abgebildeten Gebärden können auch Nicht-Sprecher in dieser visuellen Sprache einen Kaffee, eine Limo oder ein Stück Kuchen bestellen.

Die Wurzeln der Eventagentur „Sign It“ liegen in dem Projekt „Café ohne Worte“ des Enactus Teams der Universität zu Köln. Enactus ist mit mehr als 70 000 Studenten weltweit die größte Studentenorganisation, die für soziale Probleme unternehmerische und damit nachhaltige Lösungskonzepte entwickelt.

Frederike Höfermann war im Rahmen ihres Studiums Projektleiterin beim „Café ohne Worte“. Sie ist nicht gehörlos und kam über das Projekt zum ersten Mal in Kontakt mit dem Thema Gehörlosigkeit. „Die Arbeit hat mir sehr viel Spaß gemacht, deswegen wollte ich etwas eigenes auf die Beine stellen und mich mit diesem Thema noch intensiver beschäftigen. Das ist doch ein tolles Erlebnis, wenn Gehörlose und Normal-Hörende aufeinander treffen und gemeinsam kommunizieren“, sagt die Betriebswirtschaftsstudentin.

Das „Sign It“-Event fand zum ersten Mal in Wuppertal statt. Auf einer Messe hatten sich Jung-Gründerin Frederike Höfermann und Swane-Inhaberin Selly Wane kennengelernt. „Ich war sofort begeistert von dieser Idee und wollte so etwas bei mir im Café auch probieren. Ich bin ja immer auf der Suche nach neuen, interessanten Konzepten. Ich könnte mir sogar vorstellen, so eine Veranstaltung monatlich anzubieten“, sagt Selly Wane.

Kurz nach Beginn der Veranstaltung wurde das Lokal ganz schön voll. „Interessante Atomsphäre. Obwohl es so voll ist, ist es gar nicht laut. Normalerweise hört man viele Stimmen, die alle durcheinander reden. Aber heute ist es ganz anders, man sieht überwiegen die Hände sprechen“, beobachtet die Inhaberin.

Unter den Gästen im Café sind Alexandra Fischer (19), Jamie Runkel (19) sowie Kerstin (49) und Dirk Schulenberg (50). Die vier sind normal-hörend und wollten sich ein Bild von der Veranstaltung machen. Jamie Runkel und Kerstin Schulenberg besuchen seit September 2017 sogar einen Gebärdensprach-Kurs.

„Ich finde diese Sprache faszinierend. Ein Wort ist meist eine Gebärde, Artikel und Füllwörter werden komplett weggelassen“, sagt Jamie Runkel. Kerstin Schulenberg ergänzt: „Man hält sich kurz, sonst würde ein Gespräch ewig dauern. Statt ,Geht es dir gut’ sage ich in Gebärdensprache ‘Du gut?’“

Auch Sigrid Bialuch (50) ist nicht gehörlos, spricht die Gebärdensprache aber fließend: „Seit 1991 arbeite ich in einem Altenheim für Gehörlose. Durch die Bewohner und Kollegen habe ich im Laufe meiner Arbeit diese Sprache gelernt“.

Adriane Große (24) hatte an diesem Tag ihren ersten Einsatz als „Sign It“-Kellnerin. Die junge Frau ist zwar gehörlos, kann aber durch ein Cochlea-Implantat (Hörprothese) hören und hat dadurch sprechen gelernt. Die Bestellungen der Gäste nimmt sie aber über Gebärdensprache auf. „Ich war selbst als Gast auf einem solchen Event und als ich davon hörte, dass weitere Kellner gesucht werden, habe ich mich sofort beworben. Es gefällt mir, mit meinem Job eine Brücke zwischen Hörenden und Gehörlosen zu bauen“, sagt sie.