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Wuppertal: Schusterplatz - Wo sich der Ölberg trifft

Wuppertal : Schusterplatz - Wo sich der Ölberg trifft

Als noch an jeder Ecke eine Kneipe war und Kinder nebenan Schlittschuh liefen — Anwohner des Schusterplatzes blicken zurück.

Ölberg. Er ist die Zentrale des Ölbergs, der fast quadratische Schusterplatz, auf dem Kinder vieler Nationen schaukeln, rutschen und im Sand spielen. Auf dem die Erwachsenen je nach Lust und Laune unter mächtigen Bäumen im Schatten sitzen oder es sich auf dem hügeligen Rasen gut gehen lassen. Eine Idylle, seit die freie Fläche in den 70er Jahren in einen Kinderspielplatz und einen Ort der Kommunikation auf dem Ölberg in der Elberfelder Nordstadt umgewandelt worden ist.

Früher, um 1950 bis 1960, sah es ein wenig karger aus, ein paar Bänke standen da rund um das Viereck. Doch auch an diese Zeit haben Alteingesessene positive Erinnerungen. „Da haben hier die Frauen aus der Umgebung gesessen, gestrickt, gehäkelt und ’gefladdert’ (sich unterhalten), und die Kinder haben gespielt“, erinnert sich Christel Schmitt (78) an früher. Sie war früher Gastwirtin. „Wir hatten zwei Gaststätten in der Charlottenstraße und in der Marienstraße. Überhaupt, früher war hier an jeder Ecke eine Kneipe. Und alle haben gut gelebt.“

Die heutige Gestaltung des Spielplatzes gefällt Anneliese Rahn (90) nicht sonderlich. Sie sitzt mit ihrer Tochter Judith und ein paar Bekannten im Schatten an einem der zahlreichen Tische und bemängelt, dass die Rutsche genau in der Sonne steht. „Wenn es heiß ist, dann geht da doch kein Kind drauf“, sagt die alte Dame kopfschüttelnd. Die früher freie Fläche des Platzes wurde übrigens in den Fünfzigern („als wir noch richtige Winter hatten“) bei längeren Frostperioden von der Stadt mit Wasser bespritzt und dann zum Schlittschuhlaufen genutzt.

So wie auch der „andere“ Schusterplatz, der über die Schusterstraße nur einen Steinwurf entfernt ist — nämlich die damals staubige steinige Fläche vor dem mächtigen Bunker. „Da wurde im Winter, wenn die Eisfläche fertig war, ein großer Scheinwerfer aufgestellt, damit auch im Dunkeln Schlittschuh gelaufen werden konnte“, erinnert sich Dieter Pfeil (72), gleichfalls ein Kind des Ölbergs, der aber wie viele Jungs seiner Generation diesen Schusterplatz für seine ersten fußballerischen Versuche nutzte. Die große holperige Fläche vor dem Bunker zierte nämlich ein aus drei weißen Balken erstelltes Tor ohne Netz. „Das andere Tor war mit weißer Farbe auf die Wand vom Bunker gemalt“, schmunzelt Werner Boss (70), der wohl bekannteste Ölberg-Kicker, der noch bevor er das VfL-Trikot übergestreift hatte von den anderen Jungs wie „Omma“ Koch, Dieter Wiedemann oder Peter Dettmar und seinem gleichnamigen ebenfalls fußballverrückten Vater in die Kunst des Kickens eingeweiht wurde.

Werner ist ein Junge „vom Berch“ (so wurde der Grünewalder Berg genannt), ein Wohnort einfacher, aber herzlicher, arbeitsamer, nicht eben begüterter Menschen. „Wir haben zusammengehalten wie Pech und Schwefel. Bei uns hat einer dem anderen geholfen“, so Werner Boss, der als begnadeter Erzähler etliche Histörchen auf Lager hat. „In der Bunkerwand waren viele Rillen, und manchmal hatte sich der Ball darin verkeilt. Wir haben dann mit Steinen geschmissen, und wenn das nichts nützte, mussten die Jüngsten am Eisen heraufklettern und den Ball holen.“

Aber wie Jungs — und speziell die vom Ölberg — waren, war so eine Kletterpartie in lichte Höhen ganz ohne Sicherung auch eine Mutprobe. „Einmal bin ich ganz bis aufs Dach geklettert“, erinnert sich Werner Boss. Aber da er, wie auch später als Spieler und Trainer, lieber auf- als absteigen wollte („Ich bin 24 mal aufgestiegen“), verließ ihn auf dem Bunkerdach der Mut. „Die Feuerwehr hat mich befreit. Und weil mein Vater den Einsatz bezahlen musste, hat er mich nachher ordentlich verdroschen.“ Eine schmerzliche Erfahrung, die aber die positiven Gedanken an den Schusterplatz und den „Berch“ in keiner Weise trübt. „Diese Zeit möchte ich nie, nie missen.“

Heute stehen dort eine Turnhalle, verschiedene Flachbauten und ein Bolzplatz, eingezäunt und mit Kunstrasen versehen. Richarda Hurschmann (84) wohnt direkt gegenüber in der Schusterstraße und schaut zufrieden aus dem Fenster ihrer Parterrewohnung, die sie seit 1962 bewohnt. „Früher, als hier nebenan noch die Taubstummenschule war, war es etwas ruhiger. Jetzt sind da schwer erziehbare Jungs, die machen natürlich mehr Krach. Aber ich habe ja Doppelfenster“, erzählt sie und genießt es, dass die Straße, die die beiden Schusterplätze trennt, eine Sackgasse ist. „Weniger Abgabe, weniger Lärm. Mir gefällt es hier.“