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Landschaftsgestaltung unter Pandemiebedingungen

Logbucheintrag 0.27: Einsatz gegen den Corona-Koller : Landschaftsgestaltung unter Pandemiebedingungen

Der neue Teil unserer Kolumne aus Utopiastadt ist da.

Über zwei Coronasommer grub ich mit einigen wackeren Mitstreitenden die Grünstreifen an der Auffahrt zur Nordbahntrasse am Mirker Bahnhof um. Statt Brombeerdschungel eine kleine Streuobstwiese, Bienenweide und Miniaturweinberg scheint per se eine gute Sache. Tatsächlich rettete es mich über die härteren Pandemiephasen, nach dem Homeoffice-Tag noch ein, zwei Stunden die Möglichkeit zu haben, an der frischen Luft ein Stück Stadt vor meiner Nase zu einem angenehmeren Ort zu machen.

Man erfuhr einiges: Gespräche mit Anwohnern entspannen sich über eine ausgegrabene und in der Folge weggestemmte Betonplatte. Gab es Flakstellungen um den Mirker Bahnhof während des Kriegs? (Es war wohl doch nur ein Bauschuppen mit schnell hingegossenem Fundament aus den Sechzigern.) Man wurde interessant wahrgenommen: Warum ich hier Erde siebe, wenngleich auf der Fläche hinten Müll liege? Nun, weil ich in meiner Freizeit gern Dinge tue, auf die ich Lust habe, und gerade habe ich Lust auf‘s Erde-sieben. Ich freue mich aber über jeden, der den Müll einsammelt, Samstag ist Workout. Erstaunlich oft wird von vorneherein ausgeschlossen, dass Menschen etwas einfach so machen, und nicht, weil es bezahlt wird.

Man bewirkte auch Interessantes. Wenn man zwei Wochen jeden Abend schaufelt, trifft man Menschen wieder. Es ergaben sich erstaunliche Stimmungswechsel über die kurzen Gespräche: schleichende Übergänge vom skeptischen „Wer sich engagiert, wird ausgenutzt“, in der Regel begleitet von Geschichten über eigene schlechte Erfahrungen, hin zum gemeinsamen Freuen über den Fortschritt nach einer Woche. Kinder hingegen sind in der Regel interessiert bis begeistert, insbesondere, wenn man ein Nest Engerlinge oder spannenden Schrott ausgräbt.

Persönliche Folgen, neben besserem Schlaf und Bekämpfung der Corona-Bleischwere? Es ist unglaublich, wie man sich über Menschen freuen kann, die auf einer Trockenmauer sitzen und Eis essen, wenn man die Trockenmauer in der vorigen Woche fertig gebaut hat. Die erfreulichste Beschwerde der Welt: Jemand habe die schönste Blumenwiese in Wuppertal abgemäht, ein Unding! (Es war nach dem letzten Blühen schwer notwendig). Die zweite Apfelernte komplett geklaut: Alles richtig gemacht.

Nun könnte man einmal mehr Worte darüber verlieren, wie wichtig Engagement und Ehrenamt in den Quartieren sei und sich selbstzufrieden auf die Schulter klopfen. Anders herum scheint es aber richtiger aufgezäumt: Es ist eine unglaublich gute Sache, Menschen die Möglichkeit zu geben, ein Quartier mitzugestalten, schöner und lebenswerter zu machen. Ich hatte das Glück, eine solche Möglichkeit direkt vor der Nase zu haben. Denn letzten Endes spielt bei allem Engagement eine große Portion Egoismus eine maßgebliche Rolle: Ohne zwei Sommer Umgraben und Trockenmauern hätte ich mit einiger Sicherheit einen sehr handfesten Corona-Koller bekommen. Mit solchen Orten vor der Nase kann man sogar aus einer Pandemie etwas Schönes machen.