Die Familie ist für die Juden die „Kernzelle“ des Lebens

Die Familie ist für die Juden die „Kernzelle“ des Lebens

Führung durch die Begegnungsstätte Alte Synagoge stößt auf große Resonanz. Mehr als 50 Besucher schauten am Sonntag vorbei.

Elberfeld. Wenn ein Volk in der Minderheit in einer anderen Gesellschaft lebt, dann wird die Familie zur „Kernzelle“ des Lebens. Wie wichtig dieser Bereich des Lebens im Judentum war und auch heute noch ist, darüber gab die Leiterin der Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal, Ulrike Schrader, am Sonntag bei ihrer öffentlichen Sonntagsführung Auskunft.

Das Interesse war groß — deutlich mehr als 50 Besucher drängten sich in den Räumlichkeiten an der Genügsamkeitstraße. Unter den Gästen waren auch einige Kinder — das war günstig, hatte Schrader damit doch gleich junge Ansprechpartner im Publikum.

Zum Auftakt präsentierte sie den Gästen ein historisches Dokument aus Schwelm, einem Ort, an dem sich viel früher als in Elberfeld Juden angesiedelt hatten. „Sie ließen sich da nieder, weil Schwelm an einer wichtigen Handelsroute lag“, erzählte die Leiterin der Begegnungsstätte. So gab es um 1810 in Elberfeld erst 87 Juden. Im Laufe des 19. Jahrhunderts — mit der einsetzten Industrialisierung und der Entwicklung Elberfelds zur Hochburg der Textilproduktion — stieg die Zahl dann deutlich an: Bis 1890 wuchs sie auf 1378, 1925 waren es bereits 2335. Der Aufstieg des Bürgertums bot den jüdischen Familien mehr Möglichkeiten bei der Berufswahl und dem sozialen Aufstieg, sagte Schrader.

Die Ansiedlung in Elberfeld geschah nicht von ungefähr. Zwar durften Juden keine zünftigen Handwerksberufe ergreifen. Berufe, in denen es keine Zünfte gab — wie etwa Metzger, Viehhändler oder Schneider — konnten die jüdischstämmigen Bürger dagegen sehr wohl ausüben. Das war auch bei Samuel Steilberger der Fall — dem Kopf einer jüdischen Familie, anhand der Schrader das Thema erschloss. Er war Weber.

Zugleich räumte sie auch ein Vorurteil aus: Es sei durchaus nicht so gewesen, dass die Juden überwiegend als Geldhändler in Erscheinung getreten seien, sagte Schrader auf Nachfrage einer Besucherin. Das Bild vom reichen Juden, der auf Kosten der Bevölkerung lebt, sei ein Zerrbild. „Die Juden mussten mehrere Berufe ausüben, um über die Runden zu kommen.“

Welche Bedeutung die Familie für die Samuel Steilberger hatte, macht die große Zahl der Nachkommen deutlich. Er hatte allein sechs Geschwister, zudem zeugte er ein gutes Dutzend Kinder. Damit die Nachkommen jüdischer Familien auch innerhalb ihrer Glaubensrichtung heirateten, wurden Heiratsvermittler eingeschaltet, die in den jüdischen Familien schon in Kinderjahren schauten, wer mit wem verheiratet werden konnte.

Anhand zahlreicher Dokumente und Ausstellungsstücke machte Schrader die geschichtliche Entwicklung deutlich. Die Shoa, die Vernichtung der europäischen Juden durch Nazi-Deutschland, sparte sie weitgehend aus. Angeschnitten wurde das dunkle Kapitel allerdings von einem Mädchen, das fragte, warum das Eigentum der Juden in der NS-Zeit versteigert wurde. Nachfrage des Kindes: Warum haben sich die Juden nicht geweigert? Weigerung war keine Option, betonte Schrader. Das Mädchen schaute etwas verwirrt: Die Heimtücke der NS-Rassenpolitik konnte es nicht nachvollziehen.