Diakoniekirche für Preis nominiert

Das Stadtteilprojekt mit Garten und Mittagstisch könnte den Publikumspreis des Social Design Awards gewinnen.

Elberfeld. „Herzlich willkommen“ grüßt es in bunten Lettern über dem Eingangstor der 1850 erbauten Diakoniekirche, der früheren Kreuzkirche in Elberfeld. An ihr kommt man unweigerlich vorbei, wenn man vom Neumarkt zum Mirker Bahnhof möchte. Sie dient nach wie vor als Sakralraum für Andachten, die Stadtmissionar Paul-Gerhard Sinn hält. Die das Stadtbild prägende Kirche zwischen den engen Häuserschluchten bildet aber auch darüber hinaus eine liebenswerte Oase.

Denn sie ist von einem grünen Kräuter- und Gemüsegarten und gemütlichen zum Verweilen ladenden Holzbänken umgeben und dient den Menschen im Quartier gleichermaßen als Begegnungsstätte wie auch als Anlaufstelle für kostenlose Mahlzeiten jeweils Montag, Mittwoch und Freitag.

„Wir haben hier an den Tischen so um die 70 Sitzplätze im Vorraum zum Altarraum, und die sind zu den Mahlzeitausgaben immer voll besetzt“, erklärt Friedhild Cudennec, die die Arbeiten im kleinen, aber bestens genutzten Garten koordiniert. „Vor allem zum Ende des Monats ist der Andrang groß. Denn es wird alles frisch gekocht und kommt zum großen Teil aus unserem Garten rund um die Kirche“, so die ehrenamtliche Helferin, die zugibt, dass sie zwischenzeitlich auch jegliche Vorurteile gegen obdachlose Mitbürger abgebaut hat.

Die Diakoniekirche entspricht mit ihrem Konzept genau der Zielsetzung des „Social Design Award“ — einem Wettbewerb des Magazins Spiegel zu „Mehr Grün in die Stadt, mehr Leben ins Grün“. Für den Publikumspreis des Wettbewerbs wurde das vielseitige Gotteshaus aus insgesamt 150 Einsendungen aus Deutschland, Großbritannien und Südafrika in die Liste der zehn besten Kandidaten ausgewählt. Noch bis zum 26. Oktober kann online abgestimmt werden.

Der Preis: 2500 Euro. „Die könnten wir gut gebrauchen“, so Michael Felstau vom Netzwerk „Urbane Gärten“. „Die jährlichen laufenden Kosten für dieses Projekt betragen rund 20 000 Euro, und die Diakonie würde die Kirche gern verkaufen.“ Was jedoch bei einem denkmalgeschützten Gebäude auf etliche Probleme stößt. So ist es nahezu ausgeschlossen, dass der neugotische Sakralbau zu Wohnzwecken umgebaut werden kann.

2006 hat die Diakonie die Immobilie Kreuzkirche von der Gemeinde übernommen. Seit 2010 entwickelt und betreibt die Stadtmission mit Unterstützung der Diakonie ein Stadtteilprojekt mit Mittagstisch für Bedürftige in dem jetzt in „Diakoniekirche“ umbenannten Gotteshaus.

Der urbane Garten sowie die sozialen und seelsorgerischen Aktivitäten der Stadtmission sind erfolgreich gelebtes Gemeinwohl, und das soll und muss erhalten bleiben, ist das Anliegen der freiwilligen Helferinnen und Helfern der Initiative rund um die Kirche.

„Unser Ziel ist es, ein lebendiges gemeinschaftliches Leben im Stadtteil zu befördern und Menschen wieder ins Gespräch zu bringen, auch wenn sie sich nicht kennen. Diese Idee ist durch die Notwendigkeit entstanden, die Trennung zwischen uns Menschen unterschiedlichster Lebensweise und Herkunft zu überwinden und für jeden temporär einen geschützten Raum zu bieten, und das in einem offenen Kirchenraum“, heißt es in den Leitlinien der Initiative.

Sie plant, kleine mobile Wohnmöbel und „Tinyhäuser“ für die unterschiedlichsten Zwecke im Inneren der Kirche zu installieren. „Dafür werden noch Holz, Pappen, Stoffe, wetterfeste Grundierungen und für die mobilen Räume unter anderem auch Matratzen und Bettwäsche gebraucht.“ Man möchte erleben, wie Begeisterung zu einem gebrauchsfähigen, nutzbaren Produkt, das ein kleines Zuhause sein könnte, entsteht.

Dabei könnte ein Endziel auch ein Hostel für einen Lernbetrieb für den (Wieder-) Einstieg in eine berufliche Tätigkeit sein. „Das muss allerdings erst abgeklärt werden“, heißt es seitens der Initiative, die einen offenen multifunktionalen Veranstaltungsraum und ein „soziales Hotel“ schaffen will.

Längst Wirklichkeit geworden und fest etabliert ist der „Inselgarten“, bei dem viele freiwillige Helferinnen und Helfer unter fürsorglicher Anleitung gärtnern, Gemüse anbauen und ernten, das dann gemeinsam verzehrt wird.

Mit Freude erleben Michael Felstau und seine Freunde und Helfer, wie auch zurückgezogene Menschen vorbei kommen, hinsehen und mit wachsender Freude mitmachen. „Das schafft Kontakte zu Menschen, die so wieder ein Teil der Gemeinschaft werden“, charakterisiert Michael Felstau die Doppelfunktion der grünen Oase, die für jeden offen steht.

Auch an Tagen ohne Mittagstisch wird der Raum vor dem Altarraum vielfältig genutzt wie für Sitzungen der Bezirksvertretung, Konzerte und Workshops, und dient wie die gesamte Diakoniekirche der Lebensqualität des gesamten Quartiers. Wie vom Magazin „ Spiegel“ gefordert, gehört die einstige Kreuzkirche zu den Projekten, die das Leben der Menschen positiv verändern.

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