Auge in Auge mit dutzenden Uhus

Till Söling sammelt Figuren der Vögel. Als einer von 60 Schlaraffen in Wuppertal hat er zu den Tieren eine ganz besondere Beziehung.

Cronenberg. Wer Till Söling eine Freude zum Geburtstag oder zu einem anderen festlichen Anlass machen will, braucht sich nicht lange darüber den Kopf zu zerbrechen, was denn das richtige Geschenk sein könnte. Im Grunde genügt bereits ein Blick in das Wandregal im Flur des 84-jährigen Cronenbergers, um Klarheit darüber zu bekommen, was ihn glücklich macht.

Auf den Regalbrettern reihen sich Uhu-Figuren aller Farben, Formen und Größen aneinander. Einige sind handgearbeitete Kunstwerke, andere einfache Massenware.

Wuppertaler

Sammlerstücke

Manche scheinen den Betrachter mit ihren großen Augen geradezu zu durchbohren und manch andere sind so klein, dass sie kaum auffielen, wären sie wiederum nicht so exotisch bemalt. 150 Figuren haben hier ihren Platz — und das ist noch nicht alles.

Auf dem Konsolentisch liegen eigens im Internet erstellte Uhu-Briefmarken, im Garten blicken den Besucher kleine Uhus vom Rasen aus an. Sogar auf dem Dach des Hauses hocken zwei große und vier kleine metallene Raubvögel als Windfahne. Sie sollen Till Söling mit seiner Frau Marie-Luise und deren gemeinsame Kinder symbolisieren.

Und welcher ist denn der wertvollste? Kurz überlegen er und seine Frau und beginnen dann, im Regal zu wühlen. Schließlich halten sie ihren Liebling, einen daumengroßen Uhu aus Fimo-Knete, in die Höhe: „Den hier hat unser Sohn Caspar, der heute 50 ist, mit drei Jahren gemacht. Das ist der wertvollste Uhu, den wir haben.“

Bis ins Jahr 1956 reicht die Sammel-Leidenschaft Till Sölings zurück. So lange schon ist er Mitglied der „Schlaraffia“, einer internationalen Männervereinigung, deren Genossen sich bei ihren wöchentlichen Treffen ganz der „Kunst, der Freundschaft und dem Humor“ verschreiben. Jeder Teilnehmer — allesamt sogenannte Ritter — hat hier seine ganz eigene Leidenschaft, die er mit seinen Vereinsbrüdern teilt. So wird gesungen, gereimt und auch diskutiert. Zeichen und Wappentier der „Schlaraffia“ ist der Uhu, dem als nachtaktives Tier nicht nur eine mystische Bedeutung nachgesagt wird, sondern auch die Eigenschaft der Weisheit. „Wenn Sie Autos sehen mit einem kleinen Uhu hinten drauf, dann fährt da ein Schlaraffe“, erklärt Marie-Luise Söling, deren Vater ebenfalls Mitglied des Männervereins war.

Weltweit gibt es mehr als 10 000 Schlaraffen, in Wuppertal an die 60. Die Jahre benennen sie ausgehend von ihrer Gründung 1859 in Jahren des Uhus. 2018 ist demnach das Jahr 159 des Uhus. Und wann immer es in der Gemeinschaft etwas zu feiern gibt, sind Uhu-Andenken gern gesehene Geschenke.

Aus der eigenen bunten Uhu-Sammlung sind dem Ehepaar Söling die gebastelten Figuren ihrer Kinder und Enkelkinder die liebsten. Ein besonderer Schatz ist für den ehemaligen Handelsvertreter für Garne aber auch ein Paar handbemalter und etwa faustgroßer Uhus aus Keramik: „Die haben Indianer gemacht. Meine Frau brachte sie 1972 von einer Konzertreise durch Amerika mit der Kantorei Barmen mit.“ Im Regal sind die zwei Andenken unübersehbar zwischen den vielen anderen Vögeln präsentiert.

Doch bei Weitem nicht alle Uhu-Darstellungen seien ästhetisch ansprechend, findet Marie-Luise Söling. „Schauen Sie sich den einmal an“, sagt sie und greift zu einer kleinen Uhu-Schneekugel. „Der ist so hässlich, dass er beinahe wieder schön ist. Normalerweise verstecke ich solche ein bisschen zwischen den anderen.“ Eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Uhu und Eule ist ja offensichtlich vorhanden. Wie unterscheidet man da? „In den Augen eines Biologen wären das wahrscheinlich alles Eulen. Aber hier spielt das keine Rolle“, erklärt Till Söling lachend.

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