Bei der Telefonseelsorge ist Fingerspitzengefühl gefragt

Bei der Telefonseelsorge ist Fingerspitzengefühl gefragt

21 000 Anrufe nehmen Wuppertaler Ehrenamtler jährlich entgegen. Zu Weihnachten ist es aber eher ruhig.

Wuppertal. „Viele Menschen sind alleine und haben keine Gesprächspartner“, lautet die Erfahrung von Brunhilde Dörfel (Name geändert). Die 72-Jährige arbeitet seit drei Jahren für die Wuppertaler Telefonseelsorge. Mindestens einmal in der Woche sitzt sie dort am Telefon und hat ein Ohr für die Sorgen der Menschen. „Vor allem zu Beginn der Dämmerung rufen sie oft an“, erzählt sie. An den Weihnachtsfeiertagen hingegen ist — entgegen landläufiger Meinung — wenig los. Besonders viele Gespräche kommen im Frühling, wenn draußen das Leben beginnt und den Menschen ihre Einsamkeit auffällt. „Zu Jahresende bedanken sich manche auch dafür, dass wir das ganze Jahr über für sie da waren.“

Rund um die Uhr ist das Wuppertaler Telefon besetzt. In Vier-Stunden-Schichten hören sich die Ehrenamtler Eheprobleme, Erziehungssorgen oder auch mal Witze an. Sechsmal im Jahr müssen sie eine ganze Nacht lang telefonieren. „Wir muten den Ehrenamtlern ein sehr anspruchsvolles Ehrenamt zu“, sagt Pfarrer Joachim Hall, der sich um die von den Kirchen ökumenisch finanzierte Telefonseelsorge kümmert. 51 Ehrenamtler unterschiedlichen Alters engagieren sich in Wuppertal. Sie nehmen 21 000 Anrufe jährlich entgegen, die zu 11 000 Gesprächen führen. Die anderen legen einfach auf oder es sind Scherzanrufe.

Dafür werden die Freiwilligen ausgiebig geschult. Ein halbes Jahr lang treffen sie sich abends oder am Wochenende, um in Rollenspielen mögliche Themen durchzuspielen. Sie reflektieren sich selbst und setzen sich mit Themen wie Sucht, psychische Krankheiten oder Erziehung und Beziehung auseinander. Regelmäßig gibt es Supervision. „Das ist sehr wichtig, um belastende Gespräche aufzuarbeiten“, betont Pfarrer Hall.

Brunhilde Dörfel

Solche hat auch Brunhilde Dörfel schon erlebt. „Manchmal habe ich Dienst und jedes Gespräch fängt an mit: ,Ich will nicht mehr leben‘“, erzählt sie. Dann versucht sie, herauszufinden, was genau den Anrufer so belastet. Mit Ratschlägen geht sie sparsam um: „Oft ist es besser, nicht zu viel zu reden, sondern zuzuhören.“ Die professionellen Gespräche am Seelsorgetelefon seien auch anders als solche im Bekanntenkreis. Der Abstand sei ebenso wichtig wie die bewertungsfreie Sprache: „Es wäre überheblich, zu denken, dass ein Wort von mir das Schicksal ändert.“ Die 72-Jährige hat das Ehrenamt bewusst ausgewählt: „Ich habe nach Ende der Berufstätigkeit etwas gesucht, dass Sinn ergibt.“ Obwohl sie bei der Seelsorge alleine am Telefon sitzt, fühlt sie sich als Teil einer festen Gruppe. Denn die Ehrenamtler treffen sich nicht nur bei der Supervision, sondern feiern auch Feste oder fahren zur Jahrestagung.

Ihre Arbeit ist wichtig. Viele Menschen rufen aus Einsamkeit oder Verzweiflung an. Manche leiden auch an einer schweren Krankheit und wollen ihre Partner nicht mit ihren Sorgen belasten. Im Schutz der Anonymität lassen sich manche Dinge besser aussprechen. „Das Ehrenamt ist eine gute Möglichkeit, der Gesellschaft etwas zurückzugeben“, sagt Brundhilde Dörfel.