Mit 85 Jahren denkt Stobbe nichts ans Aufhören Wuppertaler Pater Stobbe: „Der beste Weg aus der Armut ist Bildung“

Langerfeld · Mit 85 Jahren denkt Pater Joachim Stobbe nichts ans Aufhören – und will vor allem Kinder und Jugendliche fördern.

 Arbeiterpriester und Franziskaner-Bruder Pater Joachim Stobbe ist an der Hilgershöhe eine Institution.

Arbeiterpriester und Franziskaner-Bruder Pater Joachim Stobbe ist an der Hilgershöhe eine Institution.

Foto: ANNA SCHWARTZ

„Wir gehen zum Stobbe“, sagt man im Langerfelder Quartier rund um den einstigen sozialen Brennpunkt Hilgershöhe. „Stobbe“, das ist ebenso ein Markenzeichen wie die von ihm, dem Franziskaner Joachim Stobbe, mitgegründete „Chance Wuppertal“. Die steht mit ihren diversen Hilfen zwar allen Menschen im Langerfelder Norden offen, richtet sich jedoch vor allem an Kinder und Jugendliche. Ihnen gilt vor allem Aufmerksamkeit und Fürsorge des „Arbeiterpriesters“, dessen besonderes Anliegen Bildung und Ausbildung der jungen Menschen ist. „Nur so hat man eine Chance im Leben“, ist die These des Paters, der kürzlich 85 Jahre alt geworden ist. Am eigenen Leib hat er erfahren, wie ein ungelernter Hilfsarbeiter lebt und von seinen Mitmenschen wahrgenommen wird. „Das Leben teilen mit denen, die nicht viel gelten“, war das Anliegen des Franziskaners, der fortan nicht von der katholischen Kirche bezahlt wurde, sondern sich seinen Lebensunterhalt an der Werkbank verdienen musste.

Geboren ist er am 29. Februar 1936, ein Geburtsdatum, das nur alle vier Jahre gefeiert werden kann. Ungewöhnlich wie auch der Werdegang des 1964 geweihten Priesters, der zunächst in Essen unter erbärmlichen Verhältnissen in einer Obdachlosensiedlung lebte, in einem Presswerk arbeitete und 1976 nach Wuppertal zog. Zur Hilgershöhe in Wuppertal, vor allem bekannt als „Klingholzberg“, wo kinderreiche Familien in Baracken hausten, wo Abgeschobene und Außenseiter lebten und oft auch tamilische Flüchtlinge, Sinti und Roma untergebracht wurden. Eine Mischung, die sozialen Sprengstoff barg und Polizeibesuche oft mit Mannschaftswagen erforderlich machte. „Da war ein Polizist, der die Gabe hatte, mit diplomatischen Geschick für Entspannung zu sorgen“, erinnert sich Joachim Stobbe.

Ausreichend Möglichkeiten für den Arbeiterpriester, nach Arbeit und Engagement als Betriebsratsmitglied und -vorsitzender in der Fabrik (erst Neiman, später Kugelfischer) seelsorgerischen Beistand zu leisten. „Es war keine Seltenheit, dass ich nachts drei- oder viermal geweckt wurde, was aber auch bedeutete, dass ich zu den Menschen dort gehörte“, so der Franziskaner über sein Leben auf dem „Berg“. „Es waren vor allem die Frauen, die mir berichteten, wo Hilfe erforderlich war und wo man dafür sorgen musste, dass die Menschen trotz Konflikten miteinander klar kamen.“

Stobbe verzichtete auf Arbeit, damit Väter ihren Job behielten

Die Unsicherheiten, mit denen ein Arbeiter, zu kämpfen hatte, lernte Stobbe am eigenen Leib kennen. „Neiman gehörte zu einem französischen Konzern, der seinen Standort aus Wuppertal verlagerte, und Kugelfischer, wo ich noch acht Jahre tätig war, entließ 500 Arbeiter. Um nicht einem Familienvater den Arbeitsplatz wegzunehmen, habe ich mich freiwillig gemeldet“, erzählt der zum Zölibat verpflichtete Arbeiterpriester, der dann ein Jahr das Los eines Arbeitslosen mit etlichen Mitbewohnern teilte. Für Stobbe ein Anlass, seine nun frei gewordene Arbeitskraft umso mehr dem Ehrenamt auf dem Klingholzberg zu widmen.

„Der beste Weg aus der Armut prekärer Verhältnisse ist Bildung“, so sein Credo, und das versucht er durch die „Hausaufgabenhilfe Stobbe“ zu unterstützen. Hilfe, die auf fruchtbaren Boden traf, denn gute Schul- und Bildungsabschlüsse der jungen Menschen auch mit Migrationshintergrund zeigten, dass sie ein wichtiger Schritt zu einem besseren Leben sind. „Corona erschwert unsere Arbeit natürlich stark, ebenso wie der Präsenzunterricht den Mädchen und Jungen fehlt“, schränkt Stobbe ein.

Die „Chance Wuppertal“ mit etlichen selbstlosen ehrenamtlichen Helfern bietet inzwischen Sprachkurse für Migranten und Geflüchtete an, Koch- und Schwimmkurse, organisiert Freizeiten im Sommer und Winter, setzt die Lebensmittelausgabe der Wuppertaler Tafel im Quartier fort. „Es gibt einige Menschen, vor allem Frauen, die nicht gern in der langen Schlange vor der Tafel im Rauen Werth stehen, weil es ihnen peinlich ist“, erklärte der 85-Jährige.

„Hunger der Bedürftigen ist nicht kleiner geworden“

„Außerdem sind auch die Discounter beim Spenden der wichtigen Lebensmittel erheblich zurückhaltender. Dabei ist der Hunger der Bedürftigen nicht kleiner geworden, und wichtig sind uns neben frischem Obst und Gemüse auch Haltbares wie Reis, Nudeln, Mehl und Zucker.“ Bruder Dirk, Kreuzherr aus dem Kloster Beyenburg, ist den Langerfeldern eine großzügige Hilfe.

Ans Aufhören denkt Joachim Stobbe, noch nicht. „Aber ich versuche inzwischen einige meiner Arbeiten an meine tüchtigen Helferinnen und Helfer zu delegieren.“ Wer miterlebt, wie oft der charismatische Franziskaner nach seiner Meinung gefragt wird, der glaubt aber gern, dass „Stobbe“ nach wie vor unersetzlich ist.

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