Kulinarischen Stadtführung: Wuppertalern schmeckt ihre Stadt

Kulinarischen Stadtführung: Wuppertalern schmeckt ihre Stadt

Bei der kulinarischen Stadtführung entdecken Einheimische, welche Würze in ihrer Heimat steckt. Ein Genuss auf mehreren Ebenen.

Barmen/Elberfeld. Nordbahntrasse, 22 Uhr: Im Engelnberg-Tunnel wird das Surren der Fahrräder an diesem Donnerstagabend von Wanderliedern übertönt — eine interessante Akustik. Der eine oder andere Radler dreht sich in der Vorbeifahrt nach dieser gut gelaunten Gruppe von 20 Leuten um. Die Frage ist ins Gesicht geschrieben: Was ist das?

Foto: Daniel Neukirchen

Das ist der stimmungsvolle Höhepunkt einer kulinarischen Stadtführung von Wuppertal Marketing. Dieses Mal leitet Stadtführerin Beate Haßler über die Nordbahntrasse vom Sedansberg bis zum Quartier Ostersbaum. Bei der fünfstündigen Wanderung kehrt die Gruppe drei Mal ein, zu Vorspeise, Hauptgericht und Nachtisch an drei verschiedenen Lokalitäten auf der Strecke. Als Zwischengang gibt es ein paar eingestreute Informationen zu Quartieren, Plätzen und Stadtgeschichte — Gesangseinlagen sind optional.

Diese Art der Stadtführung konzentriert sich auf einen kleinen Abschnitt der Stadt, um dort die unscheinbaren Schätze zu heben. Beate Haßler führt etwa auf dem Sedansberg in einen Innenhof und nimmt die Gäste gedanklich in die Zeit der 20er Jahre mit. „Der Sedansberg ist als Großwohnsiedlung konzipiert worden für Arbeiter der Textilindustrie“, erzählt sie und zeigt Gebäude, die beispielhaft für öffentliche Siedlungsarchitektur der damaligen Zeit sind. „Die Arbeiterschaft bekam einen neuen Stellenwert. Man erkannte, dass Licht, Luft und Sonne für Arbeiter absolut wichtig sind“, erklärt Haßler. Der Sedansberg ist nach Ansicht der Verwaltungswirtin, die seit 2001 Stadtführungen begleitet, einer der unterschätzten Quartiere Wuppertals: „Es hat sich hier keine alternative Szene gebildet, deshalb ist das Viertel nicht so attraktiv für junge Leute.“

Nach der ersten Stärkung im Haus Becker an der Möwenstraße mit griechischem Bauernsalat und Tzatziki geht es über die Nordbahntrasse Richtung Westen. Auf dem Kuhler Viadukt ist kurz Zeit, um den Panorama-Blick auf Wuppertals Nord-Osten zu genießen. Die Teilnehmer, fast immer zum größten Teil Wuppertaler, bestaunen ihre Stadt, die dem Betrachter aus dieser Perspektive vor Augen führt, wie grün sie eigentlich ist. Beate Haßler bescheren solche Momente die meiste Freude: „Die Leute schimpfen immer so auf Wuppertal. Doch bei den Touren kann ich den Leuten zeigen, wie schön die Stadt ist.“

Einige bekommen nicht genug vom Tourismus in der eigenen Heimat. „Wir haben schon alles mitgemacht“, berichtet Sonja Donath, die mit ihrem Mann diverse Male durch die Stadt gezogen ist, egal ob in Form eines kulinarischen Rundgangs oder einer Weintour. Das bietet sich an, denn unter den 27 kulinarischen Touren, die 2017 angeboten werden, sind lediglich fünf Doppelungen. Ansonsten gibt es jedes Mal etwas Neues zu entdecken und zu verdrücken. Antipasti in Cronenberg, türkische Süßspeisen im Luisenviertel oder Lachs-Carpaccio in der Uni-Kneipe — Wuppertal hat viele Geschmacksrichtungen.

Wahl-Berlinerin Ingeborg Markmann lernt ihre alte Heimat neu kennen. Sie ist zum Klassentreffen in der Stadt und nun auf kulinarischer Mission. Nach 30 Jahren Abwesenheit erkennt sie ihr Tal kaum wieder. „Manche Bereiche haben mich echt positiv überrascht. Etwa die Nordbahntrasse oder das Luisenviertel.“ Ein paar mehr Informationen am Rande der Führung hätte sie sich aber gewünscht. Geschmäcker sind verschieden.

Die Gruppe hat sich nach Schweineschnitzel im Landhaus Schönebeck zum Abschluss zu Mascarponecreme in der Quermalerei eingefunden. Die Lokalität in der Engelnburg besitzt ihre eigene Geschichte und als die Tour eigentlich schon zu Ende ist, laden die Inhaber zu einer Führung durchs Haus ein, das einmal ein Hotel werden sollte. Das lassen sich die Teilnehmer nicht entgehen, obwohl es schon nach 23 Uhr ist. Der Appetit nach Wuppertal ist eben schwer zu stillen.

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