Kafka: Eine Bandweberei wie im 19. Jahrhundert

Kafka: Eine Bandweberei wie im 19. Jahrhundert

Die Firmen-Besitzerin Christine Niehage setzt auf die Technik der alten Jacquard-Webstühle.

Rauental. Es rattert und poltert. Das eigene Wort ist kaum zu verstehen. Rote, gelbe, blaue und grüne Garnspulen werden in Windeseile abgewickelt. Willi, Maja, Tim und Struppi, Fritz und Jupp, sowie Hanni und Nanni, ACDC, der Zwerg und die Oma stehen dicht beieinander und weben, was das Zeug hält. Bänder mit Blumenmustern, kleinen Hexenhäuschen, Ornamenten oder Rotkehlchen hängen meterweise aus den Webstühlen, denen die Chefin des Hauses die liebevollen Namen gegeben hat.

Sie rattern immer weiter, als würden sie den Takt eines Liedes einhalten. Andr Homberg (37) kontrolliert mit seinen zwei Kollegen jede Sekunde, in der die Produktion läuft, die Webstühle. „Sie sind alt und zicken gerne“, erklärt Bandweberei-Besitzerin Christine Niehage (49). Besonders die „Oma“ möchte manchmal nicht so recht, wie die Weber wollen. Sie stammt aus dem Jahr 1880, war schon Gast auf der Weltausstellung 1900 und wird als einzige der 25 Maschinen noch mit einem Lederriemen angetrieben. „Dafür kann sie aber auch sechs Farben gleichzeitig weben“, verteidigt Arnold Klimaschewski (72), auch genannt der „Bandstuhldoktor“, das alte Schätzchen.

Die Kafka Bandweberei an der Öhder Straße hat vor drei Jahren die Besitzerin und den Standort gewechselt. Nur die Maschinen sind seit vielen Jahrzehnten die selben. Die Münchnerin Christine Niehage ist durch eine Freundin auf die alte Weberei aufmerksam geworden. Eigentlich arbeitete sie für ein amerikanisches Software-Unternehmen, führte ein exponiertes Leben. Ursprünglich kommt die Münchnerin sogar aus dem Textilgewerbe. „Nach dem Abi habe ich eine Ausbildung als Schneiderin gemacht.“ Nach langen Rechnungen, Plänen und Abwägungen fiel dann der Entschluss, das privatwirtschaftliche Unternehmen von der Vorbesitzerin Frauke Kafka zu übernehmen, inklusive des originalen Kafka-Band-Designes und der alten Webstühle.

„Wir sind kein Museum, haben nur manchmal für Besucher geöffnet“, erklärt die Besitzerin und versucht so manches Missverständnis aufzudecken. „Wir haben uns auf eine kleine Nische spezialisiert, machen keine Massenwaren“, sagt die 49-Jährige, die sich nur um den Vertrieb und Verkauf kümmert und die Produktion den Webern überlässt.

Das kommt diesen auch ganz recht. Homberg lernte in einem modernen Unternehmen, mit neuester Technik, die längst nicht so abwechslungsreich ist. „Wenn ich hier morgens um 6 Uhr hin komme, gibt es meistens eine Überraschung.“ Bevor die Produktion gestartet wird, muss er die Stühle warten und reparieren. Mittlerweile hört er, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Arnold Klimaschewski wies ihn in die Welt der alten Jacquard-Stühle ein. „Diese werden mit einer Lochkartensteuerung betrieben“, erklärt der Rentner. 1806 revolutionierte der Franzose Joseph-Marie Jacquard die Bandweberei. Er führte das Endlosprinzip der Lochkartensteuerung ein. Seit dem mussten die Kettenfäden nicht mehr von Hand gezogen werden, sondern werden durch die Löcher gehoben oder gesenkt.

Rund 140 Muster in verschiedensten Farbausführungen werden bei Kafka gewebt und in der ganzen Welt verkauft. „Wir haben drei Großhändler in Deutschland, Japan und den USA als Abnehmer“, sagt Niehage. Das Schweinchen-Motiv mit einem Fächer ist besonders im asiatischen Raum gefragt.

Ob sie ihren Beruf und das Gewerbe vor dem Aussterben sehen? Alle Drei schütteln den Kopf: „Das einzige, was uns Probleme machen wird, ist der Einkauf von den Rohprodukten“, sagt die Besitzerin. Die Färbereien im Umkreis melden mehr und mehr Insolvenz an. „Dann müsst ihr halt einen Filzstift über die Spulen laufen lassen“, sagt Klimaschewski lachend.

Für die nächsten Jahre hat sich Niehage ein Ziel gesetzt: In jedem Jahr soll ein Webstuhl restauriert werden. „Wenn ich dann in 20 Jahren in Rente gehe, kann ein anderer noch 40 bis 50 Jahre mit ihnen arbeiten.“