Kabarettungsdienst bleibt treffsicher

Kabarett : Kabarettungsdienst bleibt treffsicher

Das junge Ensemble begeisterte auch bei der Premiere des 27. Programms mit viel Biss und Witz.

. Auch ohne die Regie seines in den Ruhestand verabschiedeten Gründers Michael Brischke, der die Programme ein Vierteljahrhundert entscheidend mitgeprägt hatte, präsentierte sich der „Kabarettungsdienst“ des Ganztagsgymnasiums Johannes Rau in Hochform. Am Samstag feierte es Premiere des 27. Programms. Die elf jungen Kabarettisten hatten unter der zurückhaltenden Lenkung ihres neuen Leitungs-Quartetts, Birgit Beutler, Luzia Maria Budner, Karolin de Nocker und Sebastian Paas, einen ganzen Köcher mit Pfeilen gefüllt, die sie in alle Richtungen abschossen und damit ziemlich genau ins Ziel trafen.

„Gleichstellungsgeschwätz“ hieß das Motto unter dem Jacky, Kathy, Nina, Laura, Lucy, Tabea, Noah, Selcuk, Leonard, Noel und Vincent ihre oft musikalisch (für die forschen Klänge sorgten Kathy und Lucy) untermalten Texte verfasst hatten und vortrugen. Anderthalb Stunden lang geistreiche, pfiffige Unterhaltung, die einerseits Lacher produzierte, andererseits aber viel Nachdenkenswertes enthielt. So etwa, als die wie fürs Kabarett geschaffene „Rettungsdienst-Novizin“ Nina (17) ihr starkes Solo „Alles Versager?“ zum Thema Bildungsmisere, Unterrichtsausfall wegen Lehrermangels und Gewalt und Drogen an den Schulen vortrug. Sie hatte mit ihren Mitstreitern im „Trainingslager“ Mesum bei Münster in einwöchiger Klausur das vorliegende Programm erarbeitet. Als Tippgeber fungierte dabei noch Michael Brischke, der aber von sich sagte: „Man muss sich auch mal selbst überflüssig machen können.“

Bissige Texte mit
recht deftigen Pointen

In der zum Tagungszentrum umfunktionierten Jugendstil-Villa schweißte sich das „Kabarettungsdienst“-Team aus erfahrenen und neuen Mitgliedern zusammen und entwickelte, begleitet von temperamentvollen Diskussionen, die bissigen Texte mit zum Teil recht deftigen Pointen. Wie die Behandlung der Gleichstellungsfrage: „Gibt es männliche Schlampen?“, oder dem Programmteil „Pornomania“, wo man sich nicht mit eleganten Umschreibungen aufhielt.

Beißende Satire zog sich durch nahezu alle Nummern. Zum Beispiel bei dem alten, krummen „Pfandsammler“, dem man bei 416 Euro monatlicher Unterstützung bescheinigte, dass er „lebt, geht und steht“, und sogar noch Kleidung habe, Armut in Deutschland (laut Minister Jens Spahn) also gar nicht existiere. Erheiternd, aber natürlich mit ernstem Hintergrund der Konsumwahn, den das frisch-freche Team ebenso aufs Korn nahm wie das kostspielige Streben nach dem perfekten Körper.

Ein weiteres humorig behandeltes Thema war die Sprachlosigkeit zwischen deutschen und türkischen Familien, bei der lediglich die Senioren beim neutralen „Fußball“ auf einen gemeinsamen Nenner kamen. Aufrüttelnd war der „Walabgesang“, als der verzweifelt mit seiner Schwanzflosse peitschende Meeressäuger im Plastikmüll geradezu erstickte. Umwelt-, Schul- und gesellschaftliche Probleme hatten sich die jungen „Kabarettungsdienstler“ vorgenommen und ihre treffsicheren Schöpfungen ohne Hänger oder Versprecher vorgetragen. „Das zeigt, dass die Mädchen und Jungen hinter ihren Texten, die sie selbst verfasst haben, stehen“, sagte Sebastian Paas. Die Leistung des vor Energie sprühenden Ensembles wurde mit begeistertem Applaus honoriert.

Lampenfieber vor der Premiere? Leonard, der zum dritten Mal beim Programm der Kleinkunstbühne dabei ist, verneint das. „Wir haben uns vor dem Auftritt gemeinsam warm gemacht und sind einfach raus auf die Bühne gegangen“, meinte der junge Routinier gelassen und freute sich, dass auch das „Gleichstellungsgeschwätz“ ebenso gut angekommen ist wie die 26 Programme vorher.

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