Als es in Barmen „Vorwärts“ ging

Als es in Barmen „Vorwärts“ ging

Besucher erkunden in der Münzstraße die wechselvolle Geschichte der Konsumgenossenschaft „Vorwärts“.

Barmen. Dem alten Gebäudekomplex in der Münzstraße 47 bis 53 sieht man heute nur noch wenig seines früheren Glanzes an. Das hohe Jugendstilgebäude vor Kopf, an dessen Giebel sich noch der Schriftzug „Vorwärts“ noch erahnen lässt, hat Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialismus und die Nachkriegszeit überstanden. Doch die ursprüngliche Nutzung des imposanten Gebäudekomplexes ist heute vielen Wuppertalern unbekannt. Dabei beherbergte es zwischen den Jahren vor der Jahrhundertwende und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs eine Großbäckerei, eine Kaffeerösterei, einen unterirdischen Eisenbahnanschluss sowie fünf Wohnhäuser.

Im Jahr 1899 gründeten rund 45 Familien die Konsumgenossenschaft „Vorwärts“, sechs Jahre später begann der Bau des Gebäudes Münzstraße. Zweck dieser Produktionsgemeinschaft war es, ihren Mitgliedern gute Lebensmittel zu einem anständigen Preis bieten zu können. Damit stand „Vorwärts“ ganz in der Tradition der Arbeiterbewegung, durch die das abhängige Arbeitertum sich von seinen Arbeitgebern, den Fabrikbesitzern, zu emanzipieren versuchte.

Das Gebäude in der Münzstraße beherbergte eine hochmoderne Backstube, die nach einem Etagensystem aufgebaut war. Das Mehl wurde unterirdisch vom nahe gelegenen Güterbahnhof Heubruch im Keller des Gebäudes über Schienen angeliefert. Von dort aus gelangten die Rohstoffe mit Aufzügen in das oberste Stockwerk, die sogenannte Mehl-Etage. Darunter befand sich die Teig-Etage, in der die Teige geknetet wurden, bis im Erdgeschoss in der Back-Etage dann das Brot gebacken wurde.

Von dort aus wurden die Backwaren per Lastwagen an die einzelnen Verteilstationen der Genossenschaft verteilt. Die „Vorwärts“-Bäckerei an der Münzstraße war so erfolgreich, dass sie in Kriegszeiten rund ein Viertel der Barmer Bevölkerung mit Brot versorgte.

In der Zeit des Nationalsozialismus’ wurde der Komplex zunächst als Kaserne und Gefangenenlager der SA, später als Wehrmachtskaserne genutzt. Während der Hungerjahre im Zweiten Weltkrieg war das „Vorwärts“-Gebäude eine Lebensmittelgroßhandlung, nach dem Krieg dann ein Flüchtlingslager für Menschen, die aus den ehemals deutschen Gebieten geflohen waren.

Die ehemaligen Wohnhäuser wurden inzwischen von einem privaten Investor gekauft und restauriert. Ihre fröhlichen Farben vermitteln auch heute noch einen Eindruck der früheren Pracht der Konsumgenossenschaft „Vorwärts“.

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