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Staatsanwaltschaft und Jobcenter prüfen Wuppertaler Tafel

Auslöser: Medienberichte über Rücktritt des Beirats : Staatsanwaltschaft und Jobcenter nehmen Wuppertaler Tafel unter die Lupe

Die Wuppertaler Tafel ist zum Gegenstand staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen geworden. Auslöser sind Medienberichte über den Rücktritt des kompletten Beirates der Tafel. Dessen Mitglieder haben Vorwürfe gegen den Vorstand des Tafelvereins erhoben.

Die Wuppertaler Tafel ist zum Gegenstand staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen geworden. Auf Anfrage der WZ erklärte Oberstaatsanwalt Wolf-Tilman Baumert, dass Voruntersuchungen eingeleitet worden sind. Auslöser für die Ermittlungen sind Medienberichte über den Rücktritt des kompletten Beirates der Tafel, dessen Mitglieder Vorwürfe gegen den Vorstand des Tafelvereins erhoben haben. Diese Berichte lösten zahlreiche Kommentare von ehemaligen Mitarbeitern und Kunden aus, die von gravierenden Missständen bei der Tafel berichteten. Klärungsbedarf hat auch das Jobcenter angemeldet. Der Tafel droht eine Rückzahlung in Höhe von 200 000 Euro sowie der Verlust der Zertifizierung als Arbeitgeber von Ein-Euro-Jobbern sowie vom Jobcenter geförderten Beschäftigungs- und Qualifizierungsmaßnahmen.

 „Wir haben dem Vorstand der Tafel ein Anhörungsschreiben mit Fragen zu bestimmten Sachverhalten vorgelegt und erwarten darauf eine kurzfristige Antwort“, sagt Andreas Kletzander, Vorstandsmitglied des Wuppertaler Jobcenters. Zu weiteren Details wollte sich Kletzander nicht äußern. Nach Informationen der WZ beläuft sich das Volumen der Fördermaßnahmen für Mitarbeiter der Tafel bisher jährlich auf rund 800 000 Euro. Einen Wegfall dieser strukturellen Förderung könnte der Tafelverein kaum verkraften.

In einem Brief an Oberbürgermeister Uwe Schneidewind hatte die Leitung der Tafel darum gebeten, zwischen Vorstand und Beirat zu vermitteln. Die Leitungsebene wünsche sich ein sachlicheres Miteinander, es entspreche keineswegs der Führungskultur der Wuppertaler Tafel, bekannte Missstände zu akzeptieren. „Jede nicht der Tafelideologie entsprechende Handlung wird entsprechend sanktioniert und verfolgt. Dieses fordert natürlich das aktive und zeitnahe Zusammenwirken aller beteiligten Menschen und Institutionen“, heißt es in dem Brief, den unter anderem Zülfü Polat, Verwaltungsleiter der Tafel, unterzeichnet hat. 

 In den sozialen Medien wird ein anderes Bild von der Tafel gezeichnet, die für viele bedürftige Menschen in der Stadt eine überlebenswichtige Anlaufstation ist. Ein wahrer „Shitstorm“ geht aktuell auf die Tafel nieder. Da ist von Bereicherung, Bedienmentalität, Bevorzugung Einzelner oder gar mafiösen Strukturen die Rede. Die Ermittlungen, ob tatsächlich Fälle von Diebstahl oder Unterschlagung vorliegen, stehen aber erst ganz am Anfang.

Der Tafelverein steht
Reformen ablehnend gegenüber

Michael Rogusch ist im April 2020 als Beisitzer der Tafel zurückgetreten und hat damals auch seine Kandidatur als Schatzmeister der Tafel zurückgezogen. Er teilt die Sorgen der zurückgetretenen Beiratsmitglieder, dass die Tafel dringend eine andere Unternehmensführung benötigt.

„Vereinsgründer Wolfgang Nielsen hat die Tafel hervorragend entwickelt, aber das System Nielsen braucht einen Neuanfang. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter müssen betreut werden, sonst sind sie schnell wieder weg. Die Tafel braucht eine gute Unternehmensführung mit Leitlinien, einem Regelkreis und Zielvereinbarungen. Ich habe daher gegenüber Wolfgang Nielsen den Vorschlag gemacht, er solle von der operativen Leitung zurücktreten und einen professionellen Leiter einsetzen, bin aber auf kein Entgegenkommen gestoßen“, sagt Michael Rogusch.

Ähnliche Erfahrungen machten in den vergangenen Monaten nach eigener Aussage die Mitglieder des Beirates, die alternative Konzepte zur Führung der Tafel vorgeschlagen hatten. Da Wolfgang Nielsen aber laut Vereinssatzung ein weitreichendes Vetorecht hat, liefen diese Reformversuche bisher ins Leere.

Im Jahr 2019 gab die Tafel pro Monat im Schnitt 1714 Frühstücke, 4888 Mittagsportionen und 1752 Abendportionen an bedürftige Menschen aus. 8508 Portionen wurden pro Monat am Sozialmobil ausgeteilt. Diese Zahlen verdeutlichen die Bedeutung der Tafel für die ärmsten Bürger in der Stadt. Aus dem Stand eine Organisation aufzuziehen, die als Ersatz oder Ergänzung vergleichbare Aufgaben erfüllen kann, erscheint wenig realistisch. Schon gar nicht am bewährten Standort Kleiner Werth, wo der Tafelverein Mieter der Stiftung der Tafel ist und neben dem Nachbargebäude auch einen langfristigen Mietvertrag in Händen hält.

„Wir müssen sehen, dass wir das in den Griff bekommen. Der Betrieb der Tafel läuft weiter und ist davon nicht betroffen“, hatte Wolfgang Nielsen der WZ als Reaktion auf den Rücktritt des Beirats gesagt. Für die Kunden der Tafel ist das in Zeiten der Corona-Krise trotz der Querelen die wichtigste Aussage.