Sport bereicherte Leben der Juden

Sport bereicherte Leben der Juden

Die Begegnungsstätte Alte Synagoge veröffentlicht am 12. April eine Auswahl an Briefen von Wuppertaler Juden an den Lehrer und Politiker Ulrich Föhse in einem Buch. Auszüge daraus sind vorab in der WZ zu lesen.

Sehr geehrter Herr Föhse!

In Elberfeld besuchte ich das Realgymnasium auf der Aue, von der Quarta bis zur Prima-Reife. Ungefähr 1930 kauften meine Eltern das Haus Jägerstraße 9, das am Zoo liegt, ungefähr am Märchenbrunnen: dort lebte ich bis zur Auswanderung März 1939, meine Eltern bis zur Zwangsänderung ins Barmer Ghetto. Religiös waren meine Eltern und auch ich sehr liberal-jüdisch eingestellt: An den Hohen Feiertagen hatten wir immer geschlossen, auch später zur Zeit des NS-Boykotts, und nur ab und zu besuchte mein Vater den Freitag-Abendgottesdienst. Das Verhältnis zu Rabbiner (Dr. Norden), Oberkantor Zivi und Kantor Sussmann war korrekt, aber nicht mehr. Durch seine Schwäger Dahl eingeführt, war mein Vater viele Jahre lang Mitglied der „Bergischen Loge B´nei Brith“, deren Veranstaltungen regelmäßig besucht wurden. Ich selbst wurde auch als Bruder in diese Loge eingeführt, genau am Vorabend des Tages, an dem die Logen durch NS-Verordnung geschlossen wurden.

Anders war es mit dem „Jüdischen Sportverein Wuppertal“. Da Juden die Mitgliedschaft in allgemeinen Sportvereinen nicht mehr erlaubt war, die sportliche Betätigung als (Mit-) Schulung für die Auswanderung jüdischer Jugendlicher aber als unbedingt nötig angesehen wurde, gründeten Leo Moll, Alfred Auerbach (heute: Gordon, in London lebend) und ich den oben genannten Verein. Leo Moll, der auch in der Leitung des Wuppertaler R.j.F. war, war erster Vorsitzender, Alfred Auerbach war Sportwart und ich hatte die Kasse (die, nebenbei, immer im Minus war!) und die Schriftführung. Der J.S.V.W. hatte einen Sport- und Turnlehrer engagiert, und eine Turnhalle mit zahlreichen Sportgeräten in einem Hinterhaus am Neuenteich gemietet; es wurden zahlreiche Sportwettkämpfe, vor allem im Boxen, ausgetragen, aber auch Leichtathletik und Turnen. Nicht unerwähnt möchte ich lassen, dass wir öfter, da uns die Wuppertaler Schwimmhalle am Brausenwerth untersagt war, Gruppenfahrten mit Privatautos zu den Badeanstalten nach Deutz und Essen unternahmen, um unseren Mitgliedern auch Gelegenheit zum Schwimmen zu geben.

Bis ungefähr zum Jahre 1930 wurde der Haushalt auch noch „koscher“ geführt — das Fleisch kam aus der Metzgerei Wertheim in der Grünstraße - später wurde die Milch/Fleisch-Trennung ganz fallen gelassen. Jedoch wurde, wenn irgend möglich, der Freitagabend mit den hierfür üblichen Segenssprüchen und dem Tischgebet gehalten. Doch möchte ich erwähnen, dass ich bereits in der Schulzeit Antisemitismus zu spüren bekommen habe — weniger von Lehrern, als von einigen der in Wuppertal damals zahlreichen „deutsch-völkischen“ Kollegen - dies gilt für das Realgymnasium wie auch für die Barmer Fachschule. Im KZ Dachau bekam ich von einem SS-Mann einen Fußtritt, weil ich bei bitterer Kälte - im zweiten Gliede stehend - die Hände in den Hosentaschen hatte, was verboten war; diese „Zierde“ der Wachmannschaft hatte sich beim Appell von hinten angeschlichen.

Hier möchte ich ein Thema einfügen, nachdem Sie nicht fragen: das Verhältnis meiner Eltern zu ihren Angestellten im Beruf und im Hause. Mein Vater war bekannt als äußerst „entgegenkommend“ seinen Angestellten gegenüber: das Verhältnis war auf gegenseitiger Achtung basiert, und hatten wir zahlreiche Angestellte in den Betrieben, die ein Jahrzehnt und länger bei uns waren. Ein tiefgehendes Erlebnis in der NS-Zeit war deshalb, als sich plötzlich drei Angestellte, die weitestgehendes Vertrauen genossen, in SA-Uniform bzw. mit Frauenschaftsabzeichen zeigten.

Vielleicht sind Sie, Herr Föhse, informiert, dass ich an jenem Morgen nach der „Kristallnacht“ November 1938 von der Gestapo geholt wurde und dann via Gefängnis Bendahl, Zuchthaus Lennep ins KZ Dachau kam.

Wenige Tage vor Weihnachten wurde ich entlassen, da mein Vater meine Anwesenheit zur Auflösung der Geschäfte beantragt hatte; ich musste mich jedoch zweimal wöchentlich frühmorgens bei der Gestapo melden, wo ich nach dem Stand meiner Auswanderung befragt wurde. Es gab seinerzeit, in der fast alle Länder ihre Grenzen für deutsche Juden geschlossen hatten, noch ein „landwirtschaftliches“ Visum für Brasilien, das ich beantragt hatte; ich erhielt daraufhin ein provisorisches Visum zur „Weiterwanderung“ nach England, wohin ich am 1. April 1939 abreiste. Das für nach Köln beantragte brasilianische Visum kam mehr als 12 Monate später dann nach London, nach Schwierigkeiten und Opfern, die ich nie detailliert habe feststellen können.

Als ich dem brasilianischen Konsul auf seine Frage nach meinen landwirtschaftlichen Kenntnissen diese aufzählte, fand er es für angebrachter, mir ein „gewöhnliches“ Visum zu erteilen; dadurch hat dieser Herr mir enorm viele Schwierigkeiten erspart, denn ich konnte sofort nach meiner Ankunft in Sao Paulo in einer Textilfabrik Arbeit finden. Mit besten Grüßen zeichne hochachtungsvoll! Paul Renberg

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