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Sozialarbeit an 52 Schulen und Kitas steht vor dem Aus

Sozialarbeit an 52 Schulen und Kitas steht vor dem Aus

Die Stellen werden vom Bund finanziert — und der will die Zuschüsse zum Jahresende einstellen. An den Schulen hofft man auf eine Fortsetzung.

Wuppertal. Mit weichen Schaumstoffschlägern, sogenannten Encounter Bats, schlägt Michelle auf ihre Klassenkameradin ein. „Michelle! Michelle! Michelle!“, feuert eine Hälfte der im Kreis stehenden Kinder sie an. Was sich nach einer Schulhof-Rauferei anhört, ist in Wirklichkeit eine Übung mit Schulsozialarbeiterin Ilka Dee an der Grundschule Reichsgrafenstraße. Als sie „Stop“ ruft, hören die Kinder deshalb sofort auf.

Mit solchen Spielen sollen die Schüler lernen, Situationen besser zu verstehen und Zivilcourage zu zeigen. „Wir möchten, dass die Kinder die Grenzen zwischen ,Das macht Spaß‘ und ,Das ist jetzt Ernst‘ verstehen und erkennen. Nicht nur auf dem Schulhof kann aus einer lustigen Situation schnell Ernst werden“, erklärt Ilka Dee die Übung.

Seit etwa einem Jahr gibt es an 48 Schulen und vier Kindertagesstätten in Wuppertal Sozialarbeiter, die sich um alle möglichen Belange kümmern. So steht die psychosoziale Beratung — sowohl schulpädagogisch als auch in den Familien direkt — im Vordergrund, aber auch Zivilcourage, Klassenzusammenhalt und Empathie sollen die Kinder lernen. Ein weiterer Aspekt: Indem die Kinder früh lernen, dass es in Ordnung ist, wenn man um Hilfe bittet und sie auch annimmt, soll erreicht werden, dass sie auch als Jugendliche oder Erwachsene Hilfe in Anspruch nehmen können, wenn sie Probleme haben.

Eigentlich ist die Schulsozialarbeit also eine Erfolgsgeschichte — doch sie steht auf der Kippe: Zum Ende des Jahres läuft die dreijährige Bundesfinanzierung aus. Und allein kann die Stadt die Kosten von drei Millionen Euro jährlich nicht stemmen. „Ohne die Finanzierung von Bund oder Land müsste das Projekt bereits Ende des Jahres wieder eingestellt werden — obwohl auch die Jugendhilfe merkt, wie gut die Arbeit der Sozialarbeiter ankommt“, erklärt Sozialdezernent Stefan Kühn (SPD).

Eile sei auch geboten, so Kühn weiter: „Schon Mitte des Jahres könnten wir Sozialarbeiter verlieren, weil diese Menschen sich natürlich auch nach neuen Stellen umsehen müssen, je näher das Ende des Projektes rückt.“ Auch von den Eltern kommen besorgte Töne: „Es wäre eine absolute Katastrophe, wenn das Projekt wieder eingestellt würde“, sagt Barbara Kuhlmey-Werner, Vorsitzende der Schulpflegschaft. „Frau Dee ist für die Kinder eine vertraute Person. Da haben sie keine Hemmungen, hinzugehen.“

Warum das Projekt aber gerade für die Grundschüler sehr wichtig ist, wissen sie selbst am besten: „Wir können mit Frau Dee auch über Probleme daheim sprechen. Zum Beispiel, wenn es Streit mit den Geschwistern gibt“, erklärt die neunjährige Victoria. Auch Michelle (10) und Viktoria (10) wollen ihre Sozialarbeiterin nicht verlieren: „Wir wollen nicht, dass Frau Dee gehen muss. Sie ist unsere Ansprechpartnerin und fährt auch mit uns auf Klassenfahrt. Wir wären sehr traurig, wenn sie weg ist.“