Kultur Soundshirts sollen tauben Menschen den Besuch der Wuppertaler Oper ermöglichen

Wuppertal · Musikgenuss mit dem Körper.

Haben die Soundshirts getestet: Antje Baukhage (von links), Wilfried Goldschmidt, Fatma Alkan, Katrin Müller und Royse Garcia.

Haben die Soundshirts getestet: Antje Baukhage (von links), Wilfried Goldschmidt, Fatma Alkan, Katrin Müller und Royse Garcia.

Foto: Kevin Bertelt

Man stelle sich vor, man geht in die Oper. Doch man hört nichts. Man sieht und fühlt nur. Man spürt unterschiedlich starke Vibrationen am Oberkörper und an dem Armen. Spielt das Orchester leiser, so hat man ein leichtes Kribbeln im Bauch. Wie am Abend vor dem ersehnten Urlaub oder wenn man frisch verliebt ist. Spielen mehrere Instrumente und singen die Darsteller, dann vibriert der gesamte Körper.

Diese Erfahrung konnten fünf gehörlose Menschen am vergangenen Freitag in der Wuppertaler Oper machen. Seit neuestem ist die Oper im Besitz von zehn sogenannten „Soundshirts“, die gehörlosen Menschen ermöglichen sollen, die Oper trotz des Handicaps erleben zu können. Neben dem Geschehen auf der Bühne und dem gesungenen Text, der über der Bühne mitläuft, kommt durch die schwarzen feinen Hemden ein neues Element dazu: Das Spüren der Musik durch Vibrationen am Körper.

Das Hemd kann ganz einfach mit einem Reißverschluss geöffnet und geschlossen werden. „Es sind einige Rezeptoren eingebaut, kleine Motoren, die vibrieren. Diese sind an verschiedenen Positionen des Körpers befestigt“, erklärt Thomas Dickmeis, Tonmeister der Oper. Am Oberarm, an den Ellenbogen und kurz vor der Hand sowie im Brustbereich befinden sich Sensoren. Am Schlüsselbein, über der Brust, am Bauch, am Rücken und an den Hüften sind weitere. „Diese Sensoren bekommen ein Funksignal von uns aus der technischen Regie. Dieses Signal wird auf einen Empfänger übertragen. Der ist ziemlich schlau, er teilt die empfangenen Signale in mehrere Spuren und gibt jedem von den Rezeptoren ein eigenes Signal. Damit können wir festlegen, dass beispielsweise musikalische Elemente mehr im Bauchbereich empfangen werden und sängerische Ausdrücke eher in den Armen.“

Nachdem den Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Technik erklärt wurde, ziehen sich alle ein Hemd an und setzen sich auf die vorbereiteten Plätze im Saal. „Die Shirts sollen ab der nächsten Spielzeit über die Kulturkarte im Vorverkauf bestellt werden können. Die Kulturkarte informiert uns dann, welche Größen und wie viele benötigt werden. Wir bereiten sie vor und geben sie aus. Das ist ein Service vom Haus, der kostenlos angeboten werden soll. Die ausgewählten Plätze gehören zu der besten Kategorie“, weiß Dramaturgin Laura Knoll. Sie betreut das Projekt.

Der Testlauf der Soundshirts findet während der Probe für die letzte Operette der aktuellen Spielzeit statt: „Die lustigen Weiber von Windsor“. Als die Probe beginnt und die ersten Instrumente anfangen zu spielen, beginnt ein leichtes Kribbeln im Bauch. Je mehr Instrumente dazu kommen, desto stärker wird die Vibration. Als die Darsteller anfangen zu singen, vibriert es auch in den Armen.

In der Pause der Probe endet der Testlauf und Laura Knoll, Thomas Dickmeis und Opernintendantin Rebekah Rota holen sich Feedback von den Teilnehmern ein. „Das Soundshirt ist als Mithilfe gut geeignet, es wäre aber schön, noch mehr Vibrationen zu spüren. Es ist nicht so einfach zu beschreiben, die Vibrationen sind schwierig zuzuordnen“, sagt Fatma Alkan. Sie hat in Hamburg schon mal ein Soundshirt bei einem Sinfonieorchester ausprobiert. „Man muss die Shirts mit der Zeit kennenlernen. Es ist schwer die Vibrationen, das was man auf der Bühne sieht und den Text, der mitläuft, zusammenzuführen. Es kommen sehr viele Informationen auf einmal auf einen zu.“ Trotzdem freut sie sich, dass ihnen dieser Schritt ermöglicht wurde, und möchte unbedingt erneut die Oper auf diese Art und Weise besuchen. Auch Wilfried Goldschmidt findet es schwer, die einzelnen Instrumente zu unterscheiden: „Ich bin aber sehr begeistert von der Oper. Auch mit den Vibrationen.“ Royse Garcia und Katrin Müller sind seit ihrer Geburt gehörlos. Die Veranstaltung war ihre erste wirkliche Erfahrung mit der Musik. „Es war alles ganz neu, man wusste nicht, was einen erwartet. Es müssen mehr Termine wie heute gemacht werden, damit man es noch besser testen und einstellen kann“, lautet das Urteil von Müller. Rebekah Rota freut sich über die Rückmeldung der Teilnehmer und Teilnehmerinnen: „Die Soundshirts sind eine gute Weiterentwicklung, um eine Brücke für Gehörlose zu schlagen. Man gibt ihnen eine Chance. Das ist wunderbar.“

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