Nächstebreck So war das Klassentreffen der Wuppertaler Grundschule Hottensteinstraße nach 70 Jahren

Wuppertal · „In der Schultüte war nur Luft“

Von den ehemals 52 Schülern der Grundschule kamen acht zum Klassentreffen.

Von den ehemals 52 Schülern der Grundschule kamen acht zum Klassentreffen.

Foto: Angela Guida

Runde 70 Jahre ist es her, dass die 52 Schülerinnen und Schüler der Volksschule Hottensteinstraße in den „Ernst des Lebens“ entlassen wurden und eine Ausbildung begannen oder auf die Handelsschule wechselten. Jetzt versammelten sie sich zu einem besonderen Klassentreffen. Von den damals 52 waren noch sechs Damen und zwei Herren zur Auftakt-Zusammenkunft auf dem Schulhof ihrer Schule erschienen.

„Die meisten von uns sind verstorben, und einige sind auch gesundheitlich nicht mehr in der Lage zum Klassentreffen zu kommen“, sagt Organisator Horst Koch, der ebenso wie die übrigen 84 Jahre alt ist. Seinen früheren Schulfreundinnen und -freunden ist er nach wie vor eng verbunden und freut sich, dass eine „Ehemalige“ sogar eigens aus England zum Treffen gekommen ist.

1954, damals war Dwight D. Eisenhower amerikanischer Präsident, die Karriere von Elvis Presley startete, und das „Wunder von Bern“, der Gewinn der Fußballweltmeisterschaft versetzte ganz Deutschland in Euphorie. „In der Gaststätte Oppermann haben wir es auf einem kleinen Bildschirm im Fernsehen verfolgt und sind auf die Stühle gestiegen“, erinnern sich die verbliebenen Schülerinnen und Schüler.

Süßigkeiten waren nach
dem Krieg Mangelware

Zur Feier des Tages haben einige auch das obligatorische Einschulungsfoto von 1946 mit Schultüte dabei. Bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass es immer dieselbe Tüte ist, deren Inhalt auch nicht etwa unter den „i-Dötzchen“ verteilt wurde. Es gab nämlich nichts zu verteilen. „In der Tüte war nur Luft“, berichtet Ingrid Ellinghaus. 1946, ein Jahr nach Ende des 2. Weltkrieges gab es solche süßen Schätze bestenfalls zu Weihnachten.

Geschichten, die die Runde machten, als die acht bejahrten einstigen Schulkinder auf Einladung ihrer alten Erziehungsanstalt sich im Lehrerzimmer gegenübersaßen und vom jungen Rektor Konstantin Konrad mit Sekt und Orangensaft liebevoll bewirtet wurden. „Unser damaliger Rektor war der Herr Böhme, der trug immer einen weißen Kittel und war unheimlich streng. Wer nicht brav war, der wurde zum Böhme geschickt. Der schlug gern mit einem dünnen Stöckchen auf die Finger“, reibt sich Horst Joepgen in unseliger Erinnerung noch die Hände und weiß noch, wie er zehn Mal schreiben musste: „Ich will nicht mehr stören.“

Schläge wie Ohrfeigen als Erziehungsmittel waren damals an nahezu allen Schulen üblich und waren kein Diskussionsgegenstand. Da bildete am Hottenstein der wanderfreudige Walter Leie, auch Presbyter in der Kirchengemeinde Wichlinghausen eine rühmliche Ausnahme.

Unterrichtet wurde in Deutsch, Rechnen, Erdkunde, Biologie, Religion, Handarbeit und „Leibesübungen“. Auch in Geschichte, wobei das erst vor kurzer Zeit zu Ende gegangene „1000-jährige Reich“ sorgsam ausgespart wurde. „Die Nazizeit war tabu“, so Horst Koch.

Vom Lehrerzimmer ging es dann durch das noch fast im Originalzustand erhaltene Treppenhaus über alte Holzstiegen und Bodenmosaik ins ehemalige Klassenzimmer. Wo heute 28 Schulkinder den Lehrkräften lauschen, waren auf engen Bänken an hölzernen Pulten 52 mehr oder weniger Wissbegierige („In Reih und Glied“, so Horst Joepgen) untergebracht und unter anderem bemüht, im Zeugnis gleich mit den „Kopfnoten“ „Betragen“, „Beteiligung am Unterricht“ und „Häuslicher Fleiß“ einen guten Eindruck zu machen. „Bei mir stand mal `Betragen gut, aber schwätzt gern`“ schmunzelt Ingrid Ellinghaus, ehe man sich mit der aktuellen Klasse 4 b trifft.

Keine Probleme
mit Eltern-Taxis

Nach anfänglicher Scheu gab es vom Mohamed, Alicia, Ayden, Elias, Lea oder Jason etliche Fragen an die Seniorengeneration. Da erfuhren die Mädchen und Jungen der Grundschule, dass damals die Schulbücher und Hefte selbst bezahlt werden mussten. „20 Pfennig für ein Schulheft war schon eine Herausforderung,“ erinnert sich Rita Thiel an die harten Nachkriegszeiten im zerbombten Wuppertal. Und natürlich konnte man sich damals unter dem Begriff „Eltern-Taxi“ nichts vorstellen. „Fast alle Wege wurden zu Fuß erledigt.“

Nach dem respektvollen, freundlichen Empfang durch die ehemalige Schule ließen die acht Ehemaligen das diesjährige Klassentreffen mit einem gemeinsamen Mittagessen ausklingen. „Bis zum nächsten Jahr“, hieß es zum Abschied hoffnungsvoll und mit leiser Wehmut. „Es war doch eine schöne Zeit.“

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