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So ergeht es Wuppertaler Suchtkranken in der Corona-Krise

Soziales : Suchtkranke in der Corona-Krise: „Die Schwächsten trifft es besonders hart“

Suchtkranke haben zu Coronazeiten einen schweren Stand. Obwohl sie zur Risikogruppe gehören, zieht es sie auf die Straße.

Es gibt eine Gruppe von Menschen, die noch immer verlässlich am Döppersberg anzutreffen ist: die Drogen- und Trinkerszene. Kümmert sie Corona nicht? Haben sie keine Angst zu erkranken? Die WZ sprach mit Klaudia Herring-Prestin, Leiterin der Drogenhilfe-Einrichtung Gleis 1, die weiß, wie die Szene tickt.

„Doch, die Menschen haben sehr wohl die Sorge, sich anzustecken“, sagt sie. Zumal das Klientel zur Risikogruppe gehört. Mit der Suchterkrankung gingen schließlich sehr oft Lungen- und Herzerkrankungen einher sowie eine Schwächung des Immunsystems. Nicht selten sieht man auch auf dem Döppersberg Menschen, die versuchen, sich mit einem Mundschutz notdürftig vor einer Infektion zu schützen.

Einfach zu Hause bleiben – dieser Aufforderung könnten einige aus der Drogenszene schon gar nicht nachkommen, weil sie gar kein richtiges Zuhause haben. Diejenigen, die über einen festen Wohnsitz verfügen, kommen der Aufforderung teilweise nach. Klaudia Herring-Prestin sagt: „Wir haben mehr als 200 Leute in Betreuung. Davon sieht man nur einen Bruchteil auf dem Döppersberg.“ Die Zahl der Menschen auf der Platte habe in der Coronakrise abgenommen.

Aber es gibt sie noch, die Gruppierungen, die mit der Bierflasche in der Hand teils dicht beieinander stehen. Warum? Herring-Prestin erklärt: „Wir reden über Menschen, die nicht einfach in den Laden gehen können, um sich ihr Suchtmittel zu beschaffen. Das geht nur auf dem Schwarzmarkt. Ein Baustein dafür ist der Kontakt auf der Straße.“ Zudem sei es für die Süchtigen eine hohe psychische Belastung, allein zu Hause zu sein. „Für jemanden mit einer Suchterkrankung ist es besonders prekär, sich dermaßen mit sich selbst beschäftigen zu müssen.“

Die Polizei geht bereits gegen die Ansammlungen vor. Erste Bußgelder seien deswegen verteilt worden, weiß Herring-Prestin. „Die Polizei geht sehr korrekt mit der Situation um“, sagt die Leiterin. Zunächst habe es Gespräche über die neuen Abstandsregelungen gegeben, erst in einem zweiten Schritt Strafen. Die Sozialarbeiterin erinnert daran, dass viele der Gleis-1-Kunden nicht regelmäßig Nachrichten verfolgen.

Arbeitsgelegenheiten fielen
mit einem Schlag weg

Insgesamt ist die Zeit hart für die Szene. Einige bestreiten ihren Lebensunterhalt mit Betteln, andere haben etwa im Café Cosa für 1,50 Euro die Stunde gearbeitet. Alle diese Einkünfte fallen weg. Sozialdezernent Stefan Kühn sagt es so: „Die Schwächsten der Gesellschaft trifft es in so einer Krise besonders hart.“ Zum Glück sei Wuppertal eine solidarische Stadt, so dass nach einer Spende ja zumindest die Essensausgabe der Tafel wieder hochgefahren werden konnte.

Bei der Drogenhilfe-Einrichtung Gleis 1 erhalten die Suchtkranken nur noch die notwendigste Unterstützung. Es gibt nur noch die Spritzenausgabe und die Konsumräume. Essen, Duschen, Wäschewaschen – diese Gelegenheiten mussten eingestellt werden. Herring-Prestin sagt: „Das war für die Leute ein großer Teil der Tagesstruktur.“ Von den zwölf hauptamtlichen Kräften sind nur noch täglich sechs im Dienst. Darunter auch die Streetworker.