„Sinkende Arbeitslosenquote täuscht über die kritische Lage hinweg“

„Sinkende Arbeitslosenquote täuscht über die kritische Lage hinweg“

Arbeitsagentur weist auf wachsende Schieflage Wuppertals bei der Unterbeschäftigung hin. Jobcenter sieht tiefer liegende Gründe.

Wuppertal. Die Arbeitslosenquote in Wuppertal ist im Juni auf 9,0 Prozent gesunken. Das ist der beste Wert seit mehr als 20 Jahren. Dieser guten Nachricht hält Martin Klebe, Leiter der Arbeitsagentur Solingen-Wuppertal, entgegen, dass die tatsächliche Situation auf dem Arbeitsmarkt weniger rosig aussieht. Indiz sei die Unterbeschäftigungsquote, die im Gegensatz zur Arbeitslosenquote in Wuppertal eine steigende Tendenz aufweist.

Arbeitslos nach SGB II waren im Juni 12.108 Personen gemeldet. Es kommen allerdings 10.965 Personen hinzu, die arbeitslos im weiteren Sinne sind, weil sie an Maßnahmen des Jobcenters teilnehmen, oder für sie Sonderregelungen wegen ihres Alters gelten. Weitere 3692 Personen befanden sich in einer Weiterbildung, nahmen Arbeitsgelegenheiten wahr oder waren arbeitsunfähig erkrankt.

In der Summe ergebe das im Juni 2017 eine Unterbeschäftigungsquote von 16,6 Prozent. In Nordrhein-Westfalen ist dieser Wert nur noch in Gelsenkirchen schlechter. Remscheid lag im vergangenen Monat bei 11,2 Prozent, Solingen mit 10,8 Prozent ebenfalls deutlich besser als der Wuppertaler Wert.

Seit sieben Jahren nimmt die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zu. Das ist eine Entwicklung, auf die Wuppertaler Politiker gerne hinweisen. Während in anderen Städten aber aufgrund der besseren Beschäftigungslage der Abstand zwischen der Arbeitslosenquote und der Unterbeschäftigungsquote kaum ins Gewicht fällt, liegt die Spanne in Wuppertal bei 9,7 Prozent.

„Es ist an der Zeit, auf diesen Befund mit mehr Deutlichkeit als bisher aufmerksam zu machen“, sagt Klebe. Unabhängig davon sieht er die Gefahr, dass Wuppertal bei der Vergabe überregionaler Arbeitsmarktprogramme weniger Berücksichtigung findet, als es die tatsächliche Lage des Arbeitsmarktes hergeben würde.

Andreas Kletzander, Vorstand für Arbeitsmarkt und Kommunikation des Jobcenters

Klebe wertet die kritische Situation auf dem Wuppertaler Arbeitsmarkt als Indiz dafür, dass die Folgen des Strukturwandels noch nicht überwunden sind. Diese Einschätzung teilt Andreas Kletzander, Vorstand für Arbeitsmarkt und Kommunikation des Jobcenters. Beide weisen daraufhin, dass vor einigen Jahren der Gesetzgeber die Berechnung der Arbeitslosigkeit geändert habe. Das geschehe nicht, um die Probleme zu kaschieren, sagt Andreas Kletzander.

„Es gibt Jobcenter, die fast ihr gesamtes Budget für zehn Prozent der Klienten ausgeben, die arbeitsnah sind. Das ist nicht unser Ansatz, denn 70 Prozent der Menschen, die wir fördern, sind eher arbeitsmarktfern. Auch ihnen wollen wir berufliche Chancen zur Eingliederung bieten.“

Die Entwicklung der Arbeitslosenstatistik wird nach seiner Einschätzung seit einigen Jahren maßgeblich durch den Zuzug von EU-Bürgern und Flüchtlingen in die Stadt beeinflusst. 8000 Geflüchtete leben in Wuppertal. Ohne sie wäre die Zahl der Menschen, die in Bedarfsgemeinschaften mit Unterstützung des Staates leben, auf 42 000 gesunken. „Das wäre der niedrigste Wert seit 2005“, so Kletzander.

Seine Hoffnung ist, dass sich die Situation in zwei, drei Jahren stabilisiert hat. „Es steht und fällt mit der Sprachausbildung. Grundsätzlich ist die Motivation der Flüchtlinge hoch, daher bin ich zuversichtlich. Mehr Sorgen machen mir Familien, in denen die Langzeitarbeitslosigkeit von der einen auf die andere Generation übergeht“, sagt Kletzander.

Hier setzt das Jobcenter mit Beschäftigungsangeboten an. „Die Kinder sollen sehen, dass ihre Eltern wenn schon nicht einem Beruf so doch einer geregelten Tätigkeit nachgehen.“ Kritisch ist die Ausgangslage für Wuppertal, weil die Wirtschaft seit Jahren boomt, aber die Probleme nicht kleiner werden. Mit der digitalen Transformation kommen zudem riesige Herausforderungen auf die Unternehmen und Arbeitnehmer zu.

Die Arbeitsagentur setzt auf Qualifizierungsmaßnahmen, denn die Jobs für ungelernte Arbeiter werden immer seltener. Die Arbeitsagentur hat Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften zum Thema Qualifizierung bereits an einen Tisch gebracht. In der Praxis lässt sich die Qualifizierungsstrategie aber nur umsetzen, wenn Arbeitgeber sie fördern und Arbeitnehmer die Weiterbildung von den Arbeitgebern fordern.

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