Sigmar Gabriel zu Besuch in Wuppertal

Wuppertal : „Der Politik fehlt das Verständnis für Menschen, die anders sind“

Sigmar Gabriel diskutierte in der City-Kirche zum Thema „Gesellschaft der Wut?“ Die Veranstaltung war völlig überfüllt.

Die SPD ist in der Wählerzustimmung seit geraumer Zeit im freien Fall, viele Bürger werfen der ältesten Partei Deutschlands Verrat an ihren Idealen vor oder wissen schlicht und ergreifend nicht, wofür sie noch steht. Da tut es der Seele der Genossen wohl gut, wenn ihre Veranstaltungen rege besucht sind. So wie am vergangenen Freitag in der evangelischen Citykirche Elberfeld, als sich mehr als 250 Besucher dort drängeln und etliche in das Café im Eingangsbereich ausweichen müssen. Bedenklich für den Zustand der Partei ist allerdings, dass das große Interesse einem Ex-Parteivorsitzenden, Ex-Vizekanzler und Ex-Bundesminister gilt: Sigmar Gabriel.

Der bald 60-jährige ehemalige SPD-Chef verkörpert für viele Besucher offenbar jenen Typus von Politiker, der in den Reihen der Sozialdemokraten rar geworden ist: Er hat Profil, ist jemand, an dessen Ansichten man sich reiben kann und der auch vor Verbalattacken nicht zurückschreckt.

Da ist das Thema des Abends fast zweitrangig: Auf Einladung des Bundestagsabgeordneten Helge Lindh soll der Ex-Spitzengenosse zum Thema „Gesellschaft der Wut?“ sprechen. Prädestiniert ist Gabriel dafür durchaus, hat er sich doch als Parteichef dafür ausgesprochen, als SPD-Vertreter auch mal dahin zu gehen, „wo es brodelt, da, wo es manchmal auch riecht, gelegentlich auch stinkt“.

Vor allem von seinen Genossen war ihm deshalb vorgeworfen worden, er diene sich Populisten und Rechtsextremen an. Kritisiert wurde Gabriel auch, weil er sich an einer Diskussion beteiligte, bei der auch Anhänger von Pegida vertreten waren.

Gabriel hält seine Einschätzung von damals und sein Zugehen auf Anhänger rechtslastiger Weltbilder weiterhin für richtig. In der Politik fehle oft „das Verständnis für Menschen, die anders sind“, sagt er in der Citykirche. Allzu oft würden solche Menschen von oben herab behandelt. Auch bei den Sozialdemokraten gebe es diese Entwicklung: Bei vielen Wahlberechtigten bestehe mittlerweile der Eindruck, sie würden von der SPD verachtet.

Gleichwohl warnt der gelernte Lehrer davor, alles zu schwarz zu sehen. Rechtsradikale Ansichten bei immerhin 13 Prozent der westdeutschen Bevölkerung seien schon vor 40 Jahren in der sogenannten Sinus-Studie festgestellt worden. Durch das Aufkommen der AfD, deren Vertreter unbekümmert in rechtsradikalem Fahrwasser fischten, und dem Erfolg des Bestsellers von Noch-SPD-Mitglied Thilo Sarrazin („Deutschland schafft sich ab“) sei jedoch in der Bevölkerung etwas gekippt.

Dennoch dürfe man nicht vergessen, dass die „schrägen Typen“ nur 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung ausmachten. Deshalb müsse man den Menschen, „die das Land tragen, Mut machen!“.

Auch SPD-Genosse Lindh und Marat Trusov von der Wuppertaler Initiative für Demokratie und Toleranz können sich auf Anfrage von Moderatorin Jasmin Ashauer (Radio Wuppertal) am Abend kurz zu Populismus und Rechtsradikalität äußern.

Trusov mahnt mehr Unterstützung für die Anliegen der „Zivilgesellschaft“ an, woraufhin sich gleich ein Zwist mit Gabriel über die Bedeutung des Begriffs entspinnt. Ihm sei die Abgrenzung der zivilgesellschaftlichen Initiativen vom Staat zu strikt, sagt Gabriel. Schließlich sei auch der Staat ein „Teil der Zivilgesellschaft“ – und im 70. Jahr seines Bestehens verweist Gabriel auch noch auf die „Schönheit“ des Grundgesetzes.

Die Ausführungen der Beteiligten erfolgen dabei allerdings recht unstrukturiert, die meisten Aspekte werden nur kurz angeschnitten, bevor der nächste Punkt dran ist. Auch bei den Fragen der Besucher geht es munter hin und her – die Themenpalette reicht vom Urheberschutzrecht über Altersarmut bis zur Präsidentschaftswahl in der Ukraine.

Gerne hätte man als Zuhörer vielleicht auch etwas zu Gabriels Einschätzung zum Zustand der SPD gehört – immerhin könnte das ja auch ein Thema sein, bei dem der Ex-Parteichef in Wut gerät. Doch der frühere Spitzengenosse erwähnt seine Nachfolger und den aktuellen Zustand der Partei mit keinem Wort.

Immerhin lobt er den Einsatz von Helge Lindh als lokalem SPD-Bundestagsvertreter und spricht eine Wahlempfehlung aus. Lindh sei ein Typ, der „sich mit Ihnen streitet“. Skeptisch solle man als Wähler dagegen bei Leuten sein, die „auf alles eine Antwort haben“.

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