„Sie töteten vor meinen Augen“

„Sie töteten vor meinen Augen“

Else Lasker-Schüler-Lyrik-Preis an sechs junge Flüchtlinge verliehen.

Ein deutlicher Appell für die Aufnahme von Flüchtlingen und gegen Fremdenhass war die Verleihung des Else Lasker-Schüler (ELS)-Lyrikpreises der gleichnamigen Gesellschaft am Wochenende. Geehrt wurden sechs, 14- bis 18-jährige Flüchtlinge aus Afghanistan. Der musikalisch durch den Internationalen Chor der Else-Lasker-Schüler-Schule unter Leitung von Uli Klan, Wolfgang Schmidtke (Sayophon) und den 17-jährigen Mohsen Mohammadi (Gesang) umrahmte Festakt in der Stadtsparkasse machte das erlittene Leid der jungen Männer, ihre Leistungen und die Bedeutung ihrer Integration in Deutschland deutlich. Alles in Erinnerung daran, dass die berühmte Elberfelder Tochter und Künstlerin Lasker-Schüler einst selbst verfolgt worden war. Hajo Jahn, Vorsitzender der ELS-Gesellschaft: „Else war Asylbewerberin und wie unsere Preisträger Flüchtling.“

„Sie töteten vor meinen Augen, im Dorf. Vier Tage konnte ich nicht sprechen. Vier Tage blieb ich stumm“, schreibt der 16-jährige Ghani Ataei, der seine Eltern verlor, bevor er nach Deutschland floh. „Das Leben hier zu führen ohne dich, ist schwierig Vater“, beginnt einGedicht von Shahzamir Hataki (16). Er entging bei der Überfahrt nach Griechenland nur knapp dem Tod, als sein Flüchtlingsboot sank. In bildreicher Sprache verarbeiten die Flüchtlinge ihre traumatischen Erlebnisse, Todesängstre und Sehnsüchte. In Wuppertal rezitierte OB Andreas Mucke die Verse im Wechsel mit dem afghanischen Original.

Hatakis Heimat war Mazar-e-Sharif, jene afghanische Stadt, in deren Nähe deutsche Truppen stationiert sind. Festredner Günter Wallraff kritisierte die deutsche Regierung, die den Familiennachzug verwehre und zweierlei Maß anwende, indem sie Afghanen abschiebe und zugleich Deutschen von Reisen in das Land wegen der unsicheren Lage abrate. Er würdigte die vielversprechenden Talente der Preisträger — „Eure Lyrik öffnet die Herzend er Menschen“ — und erinnerte an den kurzen Sommer 2015, als in Deutschland Flüchtlinge überall willkommen geheißen wurden, bevor fremdenfeindliche Kräfte die helfende Mehrheit zur Seite schoben und die Gesellschaft mit der sogenannten Flüchtlingskrise „in eine Krise der Menschlichkeit stürzten“. Wallraffs Appell: „Sorgen wir für eine bessere Zukunft gemeinsam mit denen, die bei uns Zuflucht suchen.“

Vielfach wurde das Berliner „ThePoetryProject“ der Journalistin Susanne Koelbl gelobt, über das Hajo Jahn auf die jungen Männer aufmerksam geworden war. Hinter dem Projekt stehe der Gedanke des Dialogs, indem es alleinstehenden jungen Flüchtlingen eine Stimme verleihe, warb Aarash D. Spanta für Unterstützung. Der Anwalt und Übersetzer der Gedichte erhielt ebenfalls einen der Preise.

Bei einer weiteren Veranstaltung stellten die Preisträger sich und ihre Lyrik im CVJM-Saal der Öffentlichkeit vor — diesmal unterstützt durch den Wuppertaler Poetry Slammer Jan Philipp Zymny.

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