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Selbsthypnotischer Jubel

Selbsthypnotischer Jubel

Wuppertal wächst. Das ist statistisch belegbar. Die Zahl der Einwohner stieg in den vergangenen drei Jahren um mehr als 15 000. Es ist also ohne jeden Zweifel berechtigt zu sagen, dass Wuppertal wächst.

In der Welt der Wirtschaft ist Wachstum etwas Gutes. Das gesamte System des Gesellschaftsentwurfes Bundesrepublik Deutschland fußt darauf, dass die Kurve langfristig nach oben zeigt. Stillstand ist nur vorübergehend auszuhalten. Sobald ein Rückschritt messbar wird, schreit alles Zeter und Mordio. Das hat es in den vergangenen 70 Jahren alles gegeben. Aber langfristig lag der Kurs Wachstum an. Das ist gut, das will jeder, das nützt allen, das ist ein Ziel.

Insofern ist es absolut verständlich, dass Teile des öffentlichen Wuppertals bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit einem Lächeln im Gesicht und stolzgeschwellter Brust davon künden, dass diese Stadt wächst. Mehr als 360 000 Einwohner machen schließlich etwas her. Nicht nur, dass Wuppertal Bochum alsbald als sechstgrößte Stadt des Landes NRW ablösen könnte. Auch im nationalen Wettbewerb scheint zu gelten, viel hilft viel. Aber der Schein trügt.

Der Bundesregierung, der Landesregierung und auch der Europäischen Kommission ist es herzlich egal, wie viele Menschen in Würselen, Wattenscheid oder Wuppertal leben. Größe allein macht nicht bedeutend. Schon deshalb ist die wachsende Stadt wie ein schön verpackter Geschenkkarton ohne Inhalt.

Das alles wäre noch gleichgültig, wenn das Wachstum nicht neue Herausforderungen schüfe. Es stimmt in der Tat, dass Wuppertals Bevölkerungszahl steigt. Aber sie wächst schwierig. Neben Flüchtlingen kommen noch mehr Menschen aus Südosteuropa, aus Portugal, Italien und Polen mit gutem Recht nach Wuppertal, alle auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Aber die gibt es in Wuppertal längst nicht für jeden. Die weit überwiegende Mehrheit landet im Jobcenter, wartet lange, sehr lange und viel zu oft vergebens darauf, aus der Sozialhilfe in die Welt der Arbeit zu gelangen. Denn davon gibt es in Wuppertal seit Jahr und Tag nicht genug. Die Folge ist eine Arbeitslosenquote weit über dem Landesdurchschnitt, ist Unterbeschäftigung fast so hoch wie in Gelsenkirchen und sind Sozialausgaben, die sich eine Stadt mit überdurchschnittlich hoher Arbeitslosenquote und dadurch niedrigeren Einkommensteuer-Anteilen gar nicht leisten kann.

Deshalb muss nun endlich Schluss sein mit dem Selbstbetrug. Es ist an der Zeit, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Um das Wachstum der Stadt in die Sozialsysteme zu bewältigen, um jenen, die kommen, und allen, die schon hier sind, in dieser liebenswerten Stadt eine lebenswerte Zukunft ermöglichen zu können, braucht Wuppertal in erster Linie wirtschaftliches Wachstum. Es braucht einen Plan, wie die Stadt vernünftig, nachhaltig und erfolgreich mit der Bevölkerung wachsen kann. Auf Impulse aus der Industrie- und Handelskammer zu warten, ist tendenziell eher sinnlos angesichts eines Hauptgeschäftsführers, der Wuppertal und das Bergische Land jeden Nachmittag am liebsten im Rückspiegel seines Dienstfahrzeuges sieht.

Dass die CDU in dieser Woche gefordert hat, den frei gewordenen Dezernentenposten mit einem Wirtschafts-, Arbeitsmarkt- und Stadtentwicklungsfachmann zu besetzen, ist deshalb und wegen einer Arbeitslosenquote in Höhe von 9,1 Prozent absolut richtig. Der Vorschlag verdient, eine ideologiefreie Diskussion, auch wenn er von einer CDU kommt, die sich sonst eher schüchtern an der Politik in Wuppertal beteiligt. Der Plan ist auf jeden Fall erfolgversprechender als der selbsthypnotische Jubel über 360 000 Einwohner.