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Wuppertaler Geschichte: Schwellenzeiten

Wuppertaler Geschichte : Schwellenzeiten

Warum uns Friedrich Engels heute so nahe ist.

In wenigen Tagen wäre er also 199 Jahre alt geworden, dieser Friedrich Engels.  Die Vorbereitungen auf das Jubiläumsfest 2020 laufen auf Hochtouren und  Marketing-Experten jetzt heiß.  Historiker sind da weniger erregt. Sie werden gelegentlich mal gefragt, warum und wie man denn den kommenden Geburtstag des „großen Sohnes der Stadt“ feiern könnte oder gar sollte. Ob Friedrich Engels selbst an großem Pomp  in eigener Sache interessiert gewesen wäre, weiß man natürlich nicht. Er sah die Dinge selbst bei einem guten Glas Wein eher nüchtern. Und so blickte er auch auf „seine“ Zeit. In einer Art Rückschau auf die prägenden Prozesse  des 19. Jahrhunderts sprach er einmal  über die parallel verlaufenden Auswirkungen der (französischen) politischen Revolution und der  (englischen) industriellen Revolution.

Er meinte damit die „Zwillingsdynamik einer modernen Welt“, die später auf die griffige Formel einer „Schwellenzeit“ gebracht wurde. Daraus wurde ein etablierter Begriff der Geschichtswissenschaft, der den immensen Schub des Modernisierungsprozesses in der westlichen Welt so einprägsam umschreibt.  Gemeint ist diejenige Zeitspanne, in der das Feudalzeitalter im damals noch weitgehend agrarisch strukturierten Deutschland endgültig ad Acta gelegt wurde und die Ära eines ungebremsten Industriekapitalismus begann: mit all seinen sozialen, ökonomischen, politischen und kulturellen Einschnitten und Brüchen. Genau diese „Wendezeit“ des dynamischen Übergangs ist mit Blick auf die heute rasanten Entwicklungen und Verwerfungen hoch brisant und aktuell.

Wenn man die Person Friedrich Engels also biografisch verstehen und die Bedeutung seines Wirkens mit Gewinn für die Diskussionen im Hier und Jetzt aktualisieren möchte, gilt es genau dies zu untersuchen.  Die Wissenschaft nennt das „historisieren“, was aber nicht heißt, die Akteure ins Museum wegzusperren. Man könnte anders auch sagen „Erinnern und Lernen“, was das Feiern partout nicht ausschließen muss.

Historisieren, aktualisieren
und verstehen

Schon gar nicht an seinem Geburtsort, der einst zu den absoluten Boomtowns im industriell eher rückständigen Deutschland zählte. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts genoss die Doppelstadt an der Wupper einerseits den Ruf eines aufstrebenden Modernisierungszentrums, andererseits bildeten sich hier - wie an kaum einem anderen Ort im Lande - die Schattenseiten des Kapitalismus durch soziales Elend und ökologische Verwüstung gleichsam hautnah ab. Das brachte dieser pulsierenden Urbanisierungsvariante das - allerdings reichlich übertriebene - Etikett eines „deutschen Manchesters“ ein, jener Textilstadt im Nordwesten Englands mit dem damals exponentiellen Wachstum.

In diesem Manchester, genauer gesagt in den berüchtigten und als gefährlich verschrienen Slums im Vorort Salford, lernte Friedrich Engels die Kehrseiten des schrankenlosen Industriekapitalismus persönlich aus nächster Nähe kennen, als er sich im Auftrag des Vaters dort um die Belange der Firma Ermen & Engels zu kümmern hatte. Ein Job, den er nicht besonders mochte, der ihm allerdings die Liebesbeziehung zur irischen Fabrikarbeiterin Mary Burns eintrug, die ihm wiederum exklusiven Zugang zu den Arbeitermilieus verschaffte, welche seinem Partner Karl Marx wiederum stets fremd blieben.

Zum Verständnis
von Wendezeiten

Der Mitbegründer des wissenschaftlichen Sozialismus ist also ein kundiger Zeitzeuge und Analytiker der industriellen Revolution und der kapitalistischen Entwicklung mit ihren wissenschaftlich  technischen Modernisierungsprozessen, aber auch der folgenschweren Krisen, der sozialen Fragen und der ausbleibenden Antworten darauf. Zugleich ist er ein informierter Kritiker der gescheiterten bürgerlichen Revolutionen und ein Impulsgeber der aufstrebenden Arbeiterbewegung. Mit anderen Worten: Er ist eine Schlüsselfigur zum Verständnis der prägenden Entwicklungen dieser fulminanten Wendezeit der Globalisierung von Handels- und Kapitalinteressen.

Die ist uns heute so nahe wie keine andere jemals. Auch heute stehen wir vor einschneidenden Veränderungsprozessen, die das gesellschaftliche Gefüge radikal verändern werden. Wie wollen wir in einer digitalen Zukunft leben und überleben, wenn ungebremste Wachstumsorientierung auf die Begrenztheit planetarer Ressourcen stößt? Eine entscheidende Frage mit Blick auf die weltweiten sozialen und ökologischen Krisenszenarien und ein Ausmaß an sozialer Ungleichheit, wie man es zum Beispiel in Deutschland zuletzt vor 1913 erlebt hat: So jüngst der berühmte französische Ökonom Thomas Piketty in einer Studie über die weltweite Verteilung von Einkommen. Diesen Zusammenhang in seinen vielfältigen Variationen aufzuzeigen, wäre ein Beitrag zum Geburtstag, der Friedrich Engels vermutlich gut gefallen hätte. Mit Stadtmarketing hätte das allerdings nur am Rande zu tun.