Schwebebahn-Unfall - Stromschiene erst Anfang November kontrolliert

Wuppertal : Schwebebahn-Unfall - Stromschiene erst Anfang November kontrolliert

Am Tag nach dem Unfall hat die Spurensuche an der Schwebebahn begonnen. Die Untersuchung der Stromschienen erfolgt alle drei Monate.

Der Tag nach dem Absturz einer eisernen Stromschiene der Wuppertaler Schwebebahn ist der Tag der Fragen. Und nicht auf alle gibt es schon eine befriedigende Antwort. Am Sonntag gegen 13 Uhr waren fast 350 Meter der Schiene herabgestürzt, ein Auto an der Brücke Siegfriedstraße wurde schwer beschädigt, der Fahrer (34) kam mit dem Schrecken davon. „Er hat unglaubliches Glück gehabt“, sagt Wolf-Tilman Baumert von der Wuppertaler Staatsanwaltschaft, die wegen des Verdachts einer fahrlässigen Gefährdung des Bahnverkehrs ermittelt. Baumert ist sicher: Es waren Zentimeter, die eine Tragödie verhindert haben – denn das Cabrio-Dach hätte die Stahlschiene nicht gehalten. „Dann hätten wir womöglich einen Toten gehabt und ein Verfahren wegen fahrlässiger Tötung.“

Kriminalbeamte sichern Spuren am Gerüst

Zur Ursache des Absturzes kann man weder bei den Wuppertaler Stadtwerken (WSW) noch bei der Staatsanwaltschaft am Tag danach etwas sagen. „Die Ermittlungen sind gerade erst angelaufen“, so Baumert. „Das wäre jetzt Spekulation.“ Kriminalbeamte seien, begleitet von Fachleuten der WSW, am Montag vor Ort auf dem Schwebebahngerüst gewesen, um Spuren zu sichern. Ob auch die abgestürzte Schiene sichergestellt wurde, kann Baumert nicht sagen.

Dass der Leitstand nach der Meldung eines Schwebebahnfahrers gegen 12.30 Uhr über die lockere Stromschiene zwar den Fahrbetrieb umgehend einstellte, aber die Straße unter dem Gerüst nicht sperren ließ, begründet WSW-Sprecher Holger Stephan damit, dass zunächst „ein kleines Ereignis“ gemeldet war. „Der Fahrer hat von einer leichten Beule in einem Abschnitt gesprochen, der 150 Meter von der Brücke entfernt ist.“ Bevor das Gerüstbauteam dann vor Ort eintraf, stürzte die Eisenschiene in die Tiefe. „Mir liegt noch keine Aussage des Fahrers vor“, sagt Baumert. Ob aber die Fahrbahn sofort hätte abgeriegelt werden müssen, sei Teil der Ermittlungen.

Denn: Ähnliches war fünf Jahre zuvor schon einmal über der B7 passiert. Daraus seien in der Folge, so Stephan, zwei Konsequenzen gezogen worden: Zum einen erhielten die Stromabnehmer der Fahrzeuge, damals als Unfallursache ausgemacht, eine Sollbruchstelle, um bei Störfällen schneller abzubrechen. Gegen Herabstürzen wurden sie zusätzlich gesichert. Zum anderen wurde die Überprüfung der Stromschiene von einem jährlichen auf einen vierteljährlichen Rhythmus umgestellt. Der jetzt betroffene Streckenabschnitt war laut WSW erst Anfang November kontrolliert worden. Die Überprüfung übernehmen die Stadtwerke selbst. Warum es dennoch zu dem Unfall vom Sonntag kommen konnte, „ist die Frage, die wir jetzt alle haben“, sagt Stephan.

Für mehrere Wochen muss jetzt ein Ersatzverkehr organisiert werden. Am Montag gelang das noch mit eigenen Kräften, weil mehr als die Hälfte der Schwebebahnfahrer auch die Busfahrerlaubnis haben. „Die anderen Fahrer werden anderweitig eingesetzt, zum Beispiel im Innendienst oder entlang der Strecke, um die Fahrgäste zu informieren“, so Stephan. 26 Ersatzbusse waren am ersten Werktag der Woche unterwegs, laut Stadtwerken verlief die Umstellung weitgehend reibungslos. Die Schwebebahn wird täglich von rund 85 000 Menschen genutzt.

Kaiserwagen-Buchungen vorerst bis 2. Dezember abgesagt

Doch nicht nur die Berufspendler und weitere Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs sind die Leidtragenden; abgesagt sind bis auf Weiteres zudem alle Kaiserwagen-Buchungen über die Wuppertal Marketing GmbH. Zwei Fahrten in den historischen Waggons fielen gleich am Sonntag aus. In einem ersten Schritt werden gerade alle Buchungen bis zum 2. Dezember telefonisch abgesagt, wenn die Betroffenen sich nicht von sich aus melden. Bei Wuppertal Marketing wartet man auf weitere Angaben der WSW am Dienstag. Sollte die Stilllegung den gesamten Dezember betreffen, müssten laut einer Mitarbeiterin insgesamt 32 touristische Fahrten storniert werden – à jeweils 60 Personen. Macht 1920 Absagen. Und darin sind die direkt über die WSW abgewickelten Privatbuchungen für Weihnachtsfeiern, Hochzeiten oder runde Geburtstage noch gar nicht enthalten.

„Besorgt“ ist auch Zoo-Direktor Arne Lawrenz. Immerhin habe man in Deutschland ein Alleinstellungsmerkmal damit, dass die Zootickets zugleich Fahrkarten sind und auch für die Schwebebahn gelten. Zwar seien im November und Dezember nicht die besucherstärksten Tage, am Wochenende befürchtet Lawrenz dennoch eine Parkplatznot. „Wir drücken die Daumen, dass die Schwebebahn schnell wieder funktioniert“, sagt er.

Dem kann sich Linus Berghaus vom Wuppertaler SV nur anschließen: „Die Heimfans kommen größtenteils mit der Schwebebahn.“ Und: Am 2. Dezember steht mit Rot-Weiß Essen ausgerechnet „das Topspiel der Saison“ an. Die Anreise der Fans muss jetzt neu geplant werden, gemeinsam mit den WSW. Berghaus: „Das wird uns in den nächsten Tagen beschäftigen.“

Auch Mike Matthäus, Leiter des Bayer-Chemieparks, spricht von einer „Herausforderung“ und spürbar mehr Verkehr vor der Haustür. Unmittelbare Auswirkungen auf das Unternehmen in direkter Nähe zu dem Unfallort seien aber ausgeblieben. „Die Mitarbeiter müssen jetzt aber mehr Zeit für den Weg zur Arbeit einplanen.“

Kommentar: Schwebebahnausfall - Ein Schlag ins Kontor für Wuppertal

Mehr von Westdeutsche Zeitung