Schuldnerberater stehen mit dem Rücken zur Wand

Schuldnerberater stehen mit dem Rücken zur Wand

Weniger Personal aber mehr Hilfesuchende – Online-Beratung als letzter Ausweg.

Wuppertal. Die Zahl der Menschen in Wuppertal, die ihre Schulden nicht mehr zahlen können, wird in den nächsten Monaten stark steigen. Derzeit sind in der Stadt etwa 35000 Menschen überschuldet. Gleichzeitig müssen die Wuppertaler Schuldnerberatungsstellen seit Beginn des Jahres mit sieben Beratern weniger auskommen. Das Ergebnis: Monatelange Wartezeiten oder gar vergebliche Versuche, überhaupt Hilfe zu bekommen.

Gestern informierten Diakoniedirektor Martin Hamburger, Sozialdezernent Stefan Kühn und die Leiterin der Schuldnerberatung der Diakonie, Gisela Deller, über die Situation. "Die Leute haben Angst und Panik vor der Arbeitslosigkeit", schilderte Deller die Nöte vieler Menschen, die sich mit Schuldenproblemen an die Diakonie wenden. Während die Schuldnerberatung der Verbraucherzentrale bereits vor mehreren Monaten darauf aufmerksam gemacht hat, dass überschuldete Menschen teilweise monatelang auf einen Gesprächstermin warten, geht die Diakonie einen anderen Weg.

Nach Auskunft von Deller werden Hilfesuchende in der telefonischen Hotline gebeten, Akten zusammenzustellen und ihre wirtschaftlichen Verhältnisse geordnet aufzubereiten. Wer das nicht machen will oder kann - der erhält auch keine persönliche Beratung mehr.

"Wir machen das aus der Not heraus", stellte Hamburger klar. Diese Not wird wohl noch schlimmer werden. "Selbst wenn die Wirtschaftskrise abflacht, werden wir die Auswirkungen auf die Schuldner noch lange spüren", skizzierte Deller den Trend.

Damit es trotz der Engpässe gelingt, möglichst vielen Wuppertalern zu helfen, will die Diakonie ab September ein kostenloses Online-Beratungsangebot anbieten.

Alleine dieses Jahr haben sich bisher 20Prozent mehr Menschen an die Hotline der Diakonie gewandt als 2008. Zudem hatte die Beratungsstelle vergangenes Jahr noch vier Personalstellen mehr, weswegen 1100 persönliche Beratungsgespräche geführt wurden. Dieses Jahr, so Dellers Prognose, wird es gerade noch die Hälfte sein. Aber, stellt die Leiterin klar: "Die Online-Beratung ist ein Notnagel, nur eine Ersatzhilfe."

Auch Sozialdezernent Kühn sieht kein Licht am Ende des Tunnels. Seit 2005, mit der Einführung der Hartz-IV-Gesetze, wurde die Zahl der Schuldnerberater in Wuppertal mit Mitteln aus dem Integrationsbudget der Arge aufgestockt. Das ist mittlerweile verboten, weswegen die erwähnten sieben Stellen weggefallen waren, den Mitarbeitern wurde gekündigt.

Kühn fordert nun vom Bund, das Gesetz so zu ändern, dass die Integrationsmittel wieder für die Schuldnerberatung verwendet werden dürfen. Das ist seiner Einschätzung nach die einzige Chance, die Wuppertaler Schuldnerberatung wieder auf festere Füße zu stellen. Die Frage, ob die Stadt ihre Zuschüsse erhöhen könne, beantwortet der Sozialdezernent aufgrund der Finanzlage mit ein klaren "Nein."

Das ist insbesondere vor dem Hintergrund bitter, dass in Wuppertal in Zukunft mehr Menschen auf Hilfe angewiesen sein werden, wie Kühn prognostiziert. Er geht davon aus, dass Ende des Jahres bis zu 48000 Wuppertaler von Hartz IV leben müssen.

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