90 Jahre Wuppertal : Schon nach kurzer Zeit war Wuppertal pleite

90 Jahre Wuppertal : Schon nach kurzer Zeit war Wuppertal pleite

Bereits in den 1930er Jahren drohte der Stadt der sogenannte Staatskommissar, weil die Schulden zu hoch waren.

Als 1929 die Zusammenlegung von Elberfeld und Barmen zur Großstadt Wuppertal beschlossen wurde, da war es der Zusammenschluss von zwei wohlhabenden Kommunen mit einer großen Wirtschaftskraft. Soweit die Legende. Die Realität sah allerdings ganz anders aus, denn der Niedergang von Elberfeld und Barmen hatte mit dem ersten Weltkrieg begonnen und sich in den Jahren von Inflation und Weltwirtschaftskrise fortgesetzt. Die Rheinmetropolen Düsseldorf und Köln hatten Wuppertal den Rang abgelaufen - die wirtschaftliche Situation in den ersten Jahren nach der Stadtgründung weist verblüffende Parallelen zur Gegenwart auf.

Ein Lichtblick für die Wuppertaler im Jahr der Gründung war die Eröffnung des Michelbaus am Wall, das Gebäude ist heute besser unter dem Namen Haus Fahrenkamp bekannt. Namensgeber ist der Architekt Fahrenkamp, der mit seinem Kollegen Schäfer vor 90 Jahren das bereits einige Jahrzehnte bestehende Kaufhaus Michel neu gestaltete. Besondere Attraktion neben der markanten Architektur mit ihren vertikalen Bändern waren die Dachterrasse und ein Dachgartenrestaurant. Das Dach des siebenstöckigen Gebäudes bot mehreren hundert Menschen Ausblicke auf Elberfeld und die Schwebebahn.

Blick auf eine Stadt,
die viele Schwierigkeiten hatte

Wer es sich leisten konnte, genoss den Blick auf eine Stadt, die viele Probleme in die Wiege gelegt bekommen hatte. Ab Januar 1930 nahm die Zahl der Arbeitslosen sprunghaft zu, denn in der Folge der Weltwirtschaftskrise blieben die Aufträge aus. Es kam zu Massenentlassungen, aber auch die Textil-Heimindustrie war stark betroffen.

70 Prozent der Bandstühle standen still. Im April 1930 waren 22040 Personen arbeitslos gemeldet, im Dezember 1930 waren es 34917 Personen. Besonders ältere Arbeitnehmer hatten kaum noch Hoffnung, dass sich ihre Lage bessern könnte. 15273 Personen erhielten Arbeitslosengeld und 7044 Krisenunterstützung.

Wie 90 Jahre später war die Stadt kaum in der Lage, die Sozialleistungen aus eigener Tasche zu finanzieren. Im Jahr 1931 überschreitet der Etat die Summe von 82 Millionen Mark, den größten Teil beanspruchen die Sozialleistungen. Die bittere Realität: Kaum gegründet, ist Wuppertal schon hoch verschuldet.

In der Krise drehen die Stadtverordneten kräftig an der Steuerschraube, was die Stimmung in der Stadt nicht gerade verbessert. Nach kaum einem Jahr im Amt gibt Paul Hartmann, erster Oberbürgermeister der Stadt Wuppertal, am 15. Januar seinen Rücktritt bekannt. Ihm wurde der Vorwurf gemacht, er habe sich zur Regelung der städtischen Finanzlage den Staatskommissar ins Rathaus geholt. Ein haltloser Vorwurf, denn besagter Staatskommissar musste nicht erst eingeladen werden. Dieser Staatskommissar war eine Einrichtung der preußischen Regierung für Kommunen, die nach der von oben verordneten Kommunalreform ihre Ausgaben nicht in den Griff bekamen.

Der Staatskommissar hat vor
wenigen Jahren wieder gedroht

Der Begriff „Staatskommissar“ hat übrigens die Jahrzehnte überdauert. Als Wuppertal im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 über Jahre keinen genehmigten Haushalt vorweisen konnte, zog die Bezirksregierung Düsseldorf die Zügel an und forderte ein Haushaltssanierungskonzept von der Stadt. Nur aufgrund erheblicher Sparmaßahmen (Schließung von Bädern, Personalabbau im Rathaus) konnte verhindert werden, dass die Bezirksregierung den sprichwörtlichen Staatskommissar nach Barmen schickte.

Oberbürgermeister Hartmann hatte aufgrund eines Fehlbetrags von sieben Millionen Mark richtig gehandelt, als er die Regierung informierte.

Da es in diesen Tagen im Stadtrat in Marathonsitzungen oft chaotisch zuging, musste dringend ein Nachfolger von Hartmann gefunden werden. Die Wahl fiel auf Julius Friedrich, der bis dahin Landrat des Kreises Düsseldorf-Mettmann gewesen war.

Die Kommunisten und Nationalsozialisten rüttelten derweil an den Grundfesten der Demokratie. Am 14. September 1930 hatten die Nazis bei der Reichstagswahl erheblich an Mandaten zugelegt, die Kommunisten durften sich ebenfalls zu den Wahlsiegern zählen. Acht Millionen Arbeitslose in Deutschland schauten in eine höchst unsichere Zukunft.

Am 24. Juli 1932 hielt Adolf Hitler eine Rede im Stadion am Zoo, eine Kundgebung der Kommunisten hatte kurz zuvor fast ebenso viele Zuschauer angelockt. Ende Dezember 1932 stieg die Zahl der Erwerbslosen in Wuppertal auf 57341 an. Der Fehlbetrag im städtischen Etat betrug nun 34 Millionen Mark.

Wenige Jahre später stand die Welt am Abgrund. Die Krise in den jungen Jahren der Stadt wirkte sich auf die Bautätigkeit aus. Eine Ausnahme bildete der Bau des neuen Elberfelder Hauptpostamtes, dem eine ganze Reihe von alten Häusern an der Morianstraße und am Kipdorf weichen mussten.

Der Wuppertaler Hof wurde am 2. Mai 1931 eröffnet. Der Hotelbau hat 3,5 Millionen Mark gekostet. Und auch das klingt wie eine ganz aktuelle Meldung: Der Staat nahm den Städten die Einkommensteuer als Haupteinnahmequelle, schob ihnen aber Aufgaben zu, ohne dass der Gesetzgeber für die erforderlichen Mittel sorgte.

Geld ist für den Wuppertaler Normalbürger mehr als knapp - auch wenn die Preise für Lebensmittel für heutige Ohren moderat klingen. Im Restaurant eines Kaufhauses bekommt man eine Tasse Bouillon mit Ei und zwei halbe belegte Brötchen für 50 Pfennige. Zehn Eier kosten 62 Pfennige, die schwersten 82. „Vollfetter Holländer“ ist für 70 Pfennige das Pfund zu haben, Butter kostet 1,45 Mark. Wer aber ohne Arbeit und Lohn war, der hatte allen Grund, sich ein anderes Wuppertal als seine neue Heimatstadt zu wünschen. Wuppertals Anfang war schwer.

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