„Schnappschuss“ in der Marlene

„Schnappschuss“ in der Marlene

Schauspieler der Bühnen mit verquerem Projekt in der Kneipe.

Wuppertal. Fällt in Wuppertal das Wort Marlene, weiß jeder, was damit gemeint ist. Seit über 30 Jahren gibt es sie, die unnachahmliche Kneipe an der Hochstraße, in der die Dietrich überall präsent ist. Hochkultur? Wo kommen wir denn dahin! Hier fühlt man sich bei einer Gerstenkaltschale oder anderen Drinks sauwohl, gibt alle Sorgen und Nöte vor der Eingangstür ab. Gesellige, entspannte Runden stehen hoch im Kurs.

Doch man traut seinen Augen kaum. Sitzen da etwa Philippine Pachl und Lena Vogt vom Wuppertaler Schauspiel im schwarzen Dress mit Federboas und langärmeligen Handschuhen auf Barhockern am Flügel? Ist der Mann am Klavier nicht Stefan Leibold? Immer wieder bimmeln die bei-den analogen Telefone auf dem Tasteninstrument. Stefanie Fröhlich von der Auskunft kann einem leidtun. Man fragt nach einer E-Mail, einer Nummer von Onkel Heinzi (Nachname, wo?) oder einer Renate „am Arsch der Welt“. Wie soll man darauf vernünftige Antworten geben?

Verworrene Tagebucheinträge lesen die beiden Damen vor. Sie faseln von der Gründung einer Sekte. Aus Langeweile und Mittelmaß soll eine der drei wichtigen Säulen dieser künftigen Glaubensgemeinschaft bestehen. Die Tüpfelhyänen sind ein Paradebeispiel für ein funktionierendes Matriarchat. „Neger ist ein tolles Wort“, wird in eines der beiden Mikrofone gequatscht. Und, und, und.

Zwischendurch platzt einmal Intendant Thomas Braus der Kragen. Ist der von sich selbst eingenommen. Er verkündet doch glatt, dass er an Temperament und Charme nicht zu schlagen sei. Zig Frauen fliegen auf ihn. Na ja, nach Art eines Casanovas kommen diese Äußerungen aber wirklich nicht über seine Lippen. Er soll die Herzen der stolzesten Frauen brechen? Songs werden auch geträllert, etwa „I will survive“.

Leibold begleitet hochanständig am Synthesizer und Flügel. „Wo ist denn das Künstlervolk?“, wundert sich der Kellner nach dem ausgiebigen Schlussapplaus. Kneipier Uwe Dresen hat sich schon nicht lumpen lassen und jedem ein schönes Sträußchen Blumen überreicht.

Doch damit nicht genug. Nun steht sein Mitarbeiter da mit einer Flasche Sekt und Gläsern in einem Zylinder. Die werden nach dem letzten Abgang schon wiederkommen. Also nichts wie hin mit dem Schaumwein auf den Flügel. Verdursten konnte bisher noch niemand in dieser kultigen Schankwirtschaft.

Ach so: „Schnappschuss“ heißt das Projekt der Schauspielabteilung der Wuppertaler Bühnen. In dessen Rahmen war dieses, die Lachmuskeln nicht ungeschont davon kommen lassendes, verquere Spektakel passend zum Ambiente zu erleben.

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