Schauspielerin Ann-Kathrin Kramer schreibt eine Hommage an Wuppertal

90 Wuppertaler Jahre : Schauspielerin Ann-Kathrin Kramer schreibt eine Hommage an Wuppertal

Schauspielerin Ann-Kathrin Kramer liebt ihre Heimatstadt, die sich in 90 Jahren sehr gewandelt, aber nie an ihrem Reiz verloren hat.

Wuppertal, diese Stadt mit dem zwiespältigen Verhältnis zu sich selbst. Ich kenne kaum jemanden, der sagt: „Für mich die schönste Stadt der Welt, hier will ich sein! Hier bringen mich keine zehn Pferde mehr weg!“ Trotzdem traf und treffe ich überall auf der Welt immer wieder Menschen mit tiefem Bezug hierher. (Oder wie man in Wuppertal zu sagen pflegt, „nach hier“)

Sie sind hier aufgewachsen, oder haben hier studiert, oder waren hier um Pina Bausch zu sehen, oder waren mal ganz doll in jemanden aus Wuppertal verliebt oder sie sind einfach hier geboren.

Ganz unverhofft und fern der Heimat begegnete ich vor ein paar Jahren, im Sommer 2015, bei Dreharbeiten in Boston meiner wunderbaren Kollegin Marie Gruber. Marie war ein Kind der DDR, dort hatte sie gelebt und Karriere gemacht. Für mich war sie mit diesem anderen Deutschland verwoben und ich fiel aus allen Wolken, als sie mir dort, am anderen Ende der Welt, eines Abends bei zwei/drei/vier Gläsern Wein, die wir mit Blick auf den Atlantik pichelten, erzählte, dass sie in Wuppertal geboren war und ihre frühe Kindheit dort verbracht hat. Es wurde ein langer Abend, an dem wir uns von Plätzen unserer Kindheit erzählt haben, ohne dort je gemeinsam gewesen zu sein. Auf eine besondere Art hat uns das verbunden und ich bin heute sehr dankbar für die, wenn auch viel zu kurze Zeit, die wir miteinander verbringen durften.

Es ist leider nicht mehr dazu gekommen, dass wir unsere weinseeligen Pläne jenes Abends in die Tat umsetzen konnten, sonst hätten wir eine Sightseeingtour der ganz besonderen Art gemacht.

Bei unserer Spurensuche wären wir auf den Vohwinkeler Flohmarkt gegangen, hätten mindesten zwei Tage im Von der Heydt-Museum verbracht, hätten über Marx und Engels geredet und vielleicht wären wir heimlich nachts in der Mählersbeck schwimmen gegangen. Natürlich wären wir Schwebebahn gefahren, vielleicht sogar barfuß, denn das hatten wir tatsächlich als kleine Mädchen beide unabhängig voneinander gemacht. Wir wären traurig und ein bisschen schimpfend um Gerhard Graubners wunderschönes aber leider geschlossenes Schauspielhaus herumgestolpert, um dann neugierig im Opernhaus zu schauen, was Pina Bausch ohne Pina auf die Bühne bringt. Wir hätten die vielen Studenten dieser Stadt gesucht und den Skulpturenpark von Tony Cragg gefunden. Alles unter dem Motto, wenn´s schön ist, ist´s überall schön!

Nach diesen übervollen Tagen wäre Marie am nagelneuen Döppersberg in den Zug gestiegen. Wir hätten uns fest gedrückt und uns versichert, dass wir das sehr bald wiederholen werden. Es gibt hier ja schließlich noch viel mehr zu sehen und der große Ameisenbär im Südamerikahaus ist in jedem Fall eine Reise wert.

Dazu ist es nicht mehr gekommen. Vor einem Jahr ist Marie Gruber einfach gestorben und mit ihr eine Tochter dieser Stadt, die sicher nicht die Lauteste war, aber auf jeden Fall die mit dem lautesten Lachen. Sie fehlt mir sehr und wer weiß, vielleicht fahre ich demnächst, (wenn sie denn wirklich im August wieder in Betrieb geht...) barfuß mit der Schwebebahn. Einfach so. Und dann stelle ich mir vor, ich steige in Elberfeld aus und der ICE aus Berlin mit ihr an Bord hat keine Verspätung.

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