Schauspiel feiert Premiere mit „Ein Winter unterm Tisch"

Wuppertaler Kultur : Unten bleibt unten – aber nicht im Märchen

Letzte Premiere der Spielzeit im Theater am Engelsgarten: Inszenierung von Roland Topors surrealer Sozialsatire wird bejubelt.

Ein Tisch ist ein Tisch. Und ein Märchen ist ein Märchen. Und doch wieder nicht. Fantasie oder Not können aus einem Tisch ein Dach über dem Kopf machen, Wortgewalt und Situationskomik aus einem klischeehaft-kitschigen Märchen eine unterhaltsame wie zynische Abrechnung mit der doppelten Moral der westlichen Gesellschaft. Und doch stößt Roland Topor in seiner Sozialsatire „Ein Winter unterm Tisch“ den Zuschauer nicht vor den Kopf, schenkt ihm lieber ein Happy End. Die Wuppertaler belohnten dies bei der Premiere des Schauspielensembles am Sonntagabend mit Bravorufen und anhaltendem Applaus.

Der Sommer im Theater am Engelsgarten beginnt französisch, musikalisch, schräg und poetisch. Mit einem Stück, das den aktuellen Umgang mit Migration anprangert, aber nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern verspielt und doch bitterböse. Die Schauspieler laufen dabei zur Höchstform auf. 1995 vor der realen Situation der „sans papier“, der Einwanderer ohne Papiere im damaligen Frankreich, geschrieben, malt es drastische Bilder von den damaligen Verhältnissen: „Bum! Auf den Kopf und bum! In die Fresse...“ sagt Dragomir (Stefan Walz), der Illegale, der „Untermensch“, der unterm Tisch wohnt. Der seiner Vermieterin, der Übersetzerin Florence (Philippine Pachl) unterwürfig die Füße küsst. Der sich sprichwörtlich zum Affen macht, um die Retterin vor dem Wolkenbruch zu schützen.

Zuneigung gesteht man
einander nicht ein

Die absurde Konstellation führt dennoch zu echter Zuneigung, die man einander aber nicht eingesteht. Leichtes Spiel für die verkorkste Freundin Raymonde (Lena Vogt) und den schmierig-arroganten Arbeitgeber Marc (Alexander Peiler). Allein der ebenfalls mit offenem Herzen aufgenommene Cousin Dragomirs, Gritzka (Martin Petschan), spiegelt das jeweilige Verhalten und rückt die Verhältnisse zurecht.

 So was gibt es nur in Hollywood oder auf der Bühne. Der ernste Anlass, die persönlichen Erlebnisse des Autoren, der als Kind polnisch-jüdischer Einwanderer in der Nazizeit bei fremden Bauern aufwuchs, die Parallele zu der an der wachsenden Fremdenfeindlichkeit gescheiterten Willkommenskultur heutiger Tage gehen dabei fast unter.

Roland Topor, der 1997 an den Folgen eines Sturzes starb, war ein vielseitiger Künstler, der sich nicht auf ein Genre festlegen lassen wollte. War erfolgreicher Autor, Regisseur, Maler und Schauspieler, seine Arbeit stark von den Surrealisten beeinflusst.

Schirin Khodadadian, die zuletzt Neil LaButes „Zur Mittagsstunde“ im Engelsgarten inszenierte, greift diese Seite auf. Ihre Akteure agieren mimisch und gestisch übertrieben, vom naiven Augenaufschlag der durch ihren Mieter wie eine Blume aufblühenden Florence, bis hin zum Schlaf ihrer Mieter unterm Tisch. Es wird gesungen und getanzt — Martin Petschan offenbart dabei solide Geigenspielfertigkeiten. Die Suche nach dem verlorenen Blusenknopf gerät anspielungsreich wie unbeabsichtigt zum Striptease, der hochziehbare Kleiderkragen der vermeintlich besorgten Freundin dient als praktisches Versteck zur Gesichtswahrung. Sehr zum Vergnügen der Zuschauer.

Ein weißer Ritter landet
zwei Volltreffer

Der Winter in Paris ist schwarz-weiß, die Migranten tragen schwarze Ganoven-Anzüge mit weißen Streifen. Die falschen Freunde stecken in absurdem Punkte-Kleid und Hahnentritt-Anzug, „Prinzessin“ Florence trägt unschuldiges Weiß. Weiß ist auch die Farbe ihres Hauses, dessen Wände aus Papier bestehen, ein anfangs geschlossener Container großer Kasten, auf den über Schattenspiele Ängste und Alpträume projektiert werden. Ein Raumschiff, das im Laufe der etwa eindreiviertel Stunden langen Vorstellung Nebelschwaden umwölkt auf seiner Laufbahn eiert, während seine Wände symbolträchtig eingerissen werden. Überhaupt Papier: In Carolin Mittlers Bühnenbild spielt es eine zentrale Rolle. Es wird abgerissen, zerknüllt, Florence tippt Buchstaben, Dragomir zeichnet ihre Beine darauf – nur echte Ausweispapiere finden sich nicht.

Dafür findet sich ein weißer Ritter, der – als alles verloren scheint – gleich zwei Volltreffer landet: Einwanderer Gritzka macht Karriere als Musiker, kauft das Haus, in dem Florence wohnt und bringt die Liebenden wieder zusammen – Mission Integration und Liebe erfüllt. Wie im Märchen eben.

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