Ruth Tutzinger über "allerlei Gelübde"

Was glauben Sie denn? : Kol Nidrei - Alle Gelübde

Fast jeder Mensch kommt im Laufe seines Lebens ein oder mehrere Male in eine sehr bedrängende, ja sogar lebensbedrohende Situation. Da kann es passieren, dass auch Menschen, die nicht gerade religiös sind, Gott großartige Versprechen abgeben.

Der Beter erwartet, dass Gott ihn oder einen Menschen, der ihm sehr nahe ist, heil aus der Gefahr herausbringt. Wenn die Gefahr vorüber und alles gut verlaufen ist, werden die unter Angst und Tränen geleisteten Gelübde meistens sehr schnell vergessen.

Gegen Ende des Sommers nahen für uns Juden die „Hohen Feiertage“. Sie beginnen mit „Rosch Ha’schana“/Kopf des Jahres oder Neujahr. In der Tora-3.Mose 23,24- wird dies ein Tag des Hornblasens und der heiligen Versammlung genannt. Unsere Gelehrten interpretieren es als einen Tag der Erinnerung an die Erschaffung der Welt. Diese Erinnerung ist mit großer Freude und Dankbarkeit verbunden. Das Hornblasen bedeutet jedoch, dass gleichzeitig in diesen Tagen Gott über uns zu Gericht sitzt. Es sind demnach Tage der Freude und guten Wünsche für das kommende Jahr aber auch Tage der Selbstüberprüfung, Reue und Buße. Eigentlich sollten wir täglich dazu bereit sein, doch in diesem Festzyklus bleiben uns 10 Tage bis zum Jom Kippur/Versöhnungsfest. Wir glauben, dass Gott an diesem Tag SEIN Urteil über uns fällt. Da wir überzeugt sind, dass Gottes Gnade immer größer ist als SEINE Gerechtigkeit, sind wir sicher, dass er unsere Sünden verzeiht und kommen in schlichter weißer Kleidung, tragen keinen Schmuck und halten einen strengen Fastentag, denn wir möchten den Engeln ganz nahe sein. An diesem Tag steht der Himmel offen und wir fasten 25 Stunden, nicht aus Trauer wie an anderen Fastentagen, sondern aus Dankbarkeit und Freude über Gottes Güte.

Nach dem Schöpfungsbericht – 1. Mose 1,5 – beginnt der Tag mit dem Abend -... es ward Abend, es ward Morgen, ein Tag“…

Die Vorabendandacht des Jom Kippur heißt seit Langem „Kol Nidrei“ nach einem Gebet, das diese Andacht dominiert. Was hat es mit diesem Gebet auf sich? Es ist vermutlich etwa im 7.Jhdt. in Westeuropa entstanden, als im Spanien der Ostgoten viele Juden zwangsgetauft wurden und diese Gott vor Jom Kippur baten, ihnen diese erzwungenen Gelübde zu verzeihen und vor IHM als nichtig zu erklären, da sie im Herzen Juden geblieben seien. Damals gab es noch einflussreiche jüdische Gelehrtenschulen in Babylon. Als man dort davon erfuhr, kam energischer Widerspruch. Das Gebet wurde nicht in die Liturgie übernommen. Im Yemen, wo es eine große jüdische Gemeinde gab, blieb es völlig unbekannt. Hier in Mitteleuropa und auf dem Balkan gab es zwei Versionen des Gebetes, eine in aramäischer und eine in hebräischer Sprache. Anfangs bat man, die Gelübde des vergangenen Jahres aufzuheben. Im 12. Jhdt. wandelte Jakob b.Meir Tam die Formel um auf Gelübde, die man unbedacht oder unter Zwang im kommenden Jahr leisten würde.

Dieses Gebet brachte jüdische Gemeinden zu unterschiedlichen Zeiten in Bedrängnis, weil judenfeindliche Zeitgenossen verbreiteten, mit Juden könne man keine Verträge machen, sie würden alle Verträge, Versprechen, Eide, am Jom Kippur aufheben. Das führte bis zu Pogromen. Da halfen weder Beteuerungen noch Erklärungen. Nach jüdischem Recht muss man alle mit anderen Menschen geschlossenen Verträge sehr genau einhalten. Die Nichtigkeitserklärung des Kol Nidrei bezieht sich ausschließlich auf Versprechen, die ein Mensch Gott gegenüber abgegeben hat. In manchen Gemeinden wurde das Gebet zeitweise nur geflüstert oder ganz gestrichen. Doch da es eine sehr ergreifende Melodie hat, holte man es immer wieder hervor. Der Kantor singt das Gebet dreimal, er beginnt zwar gefühlvoll aber sehr leise und steigert sich beim zweiten und dritten Mal so, dass alle Beteiligten total aufgewühlt und bereit sind, ihre Sünden zu bekennen, zu bereuen und vor allem wieder gut zu machen. 1880 beauftragte die jüd. Gemeinde Liverpool den Komponisten Max Bruch, diese Melodie für Cello, Orchester und Harfe zu arrangieren. So kam sie in die Konzertsäle und wurde sehr bekannt.

Zu Rosch Ha’schana und Jom Kippur zieht es selbst säkulare Juden in die Synagogen. Sicher klingen der durchdringende Ton des Schofars/Widderhorns und die ergreifende Melodie des Kol Nidrei noch aus ihrer Kindheit in ihnen nach. Jedenfalls sind in diesen Tagen fromme und weniger fromme Juden im Gebet vereint. Nach Möglichkeit sollte aber jeder vorher versuchen, Unstimmigkeiten mit anderen Menschen zu bereinigen, sich zu entschuldigen. „Wenn du in MEIN Haus kommst und dich erinnerst, dass dein Nächster etwas gegen dich hat, so gehe erst hin und versöhne dich….“