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Von Herzkamp nach Jesinghausen: Rund um Wuppertal: Von fliegenden Golfbällen und der Endstation Brombeerstrauch

Von Herzkamp nach Jesinghausen : Rund um Wuppertal: Von fliegenden Golfbällen und der Endstation Brombeerstrauch

Die WZ umrundet mit bekannten Wuppertalern die Stadt. Teil vier führt nach Jesinghausen.

Langerfeld/Herzkamp. Der Regen prasselt gegen die Autoscheibe. Es kostet schon Überwindung, bei diesem Wolkenbruch die Fahrertür zu öffnen und zu einer Zehn-Kilometerwanderung aufzubrechen. Bei der vierten Etappe des Wuppertaler Rundwegs von Herzkamp in Sprockhövel nach Jesinghausen in Wuppertal-Langerfeld ist Lutz Eßrich, zweiter Vorsitzender der Wuppertalbewegung, Wanderpate. Er ist wetterfest gekleidet und lächelt auch unter grauen Wolken. Einmal hat er in Ostdeutschland eine Fahrradtour im Dauerregen durchgezogen. Jeden Tag überredete er seine Frau, nicht abzubrechen und noch einen Tag durchzuziehen. „Es hat am Ende neun Tage lang nicht aufgehört“, grinst er und zieht los. Ein Mann, dem im Urlaub nach eigenen Angaben ab vormittags das Wasser aus den Schuhen gelaufen ist, lässt sich von ein paar Tropfen nicht aufhalten.

Von Herzkamp nach Jesinghausen: Rund um Wuppertal: Von fliegenden Golfbällen und der Endstation Brombeerstrauch
Foto: Anna Schwartz

Kaum sind die ersten Meter bewältigt, hat der Regen aufgehört. Die Strecke führt von Herzkamp in den Wald mit dem niedlichen Namen Hilgenpütt. Passenderweise ist das nächste Puttinggrün nicht weit. Das erste Drittel der Wanderetappe führt unentwegt an Grüns und Bunkern der beiden Golfclubs Felderbach und Juliana vorbei. Lutz Eßrich genießt die Weitblicke, die sich hier in der künstlich angelegten Golflandschaft bieten: „Das sind tolle Ausblicke. Ob Golfplatz oder nicht, ist mir egal.“

Wohl wegen des instabilen Wetters sind Wald und Grüns bislang menschenleer. Die erste Begegnung ist ein Golfer, dessen Schläger beim Aufstieg des Waldwegs in der Golftasche klappern. „Vorsicht vor den fliegenden Kugeln“, sagt er und biegt wieder in den Golfplatz ein. Dass die weißen Bälle sich wirklich schon mal in den Wald verirren können, demonstriert ein Trio von Golfern am nächsten Abschlag. Zuschauer auf dem Wanderweg machen offenbar nervös.

Eßrich weiß Bescheid, dass die Strecke nun die Herzkamper Mulde streift. „Das ist das südlichste Steinkohleabbaugebiet des Ruhrgebiets“, sagt er. Die Ortschaft Alter Schee mit ihren Fachwerkhäusern lädt dazu ein, das Schritttempo zu verlangsamen. Rund um das ehemalige Hofgut „Auf dem Schee“ brach im 15. Jahrhundert das „Kohlefieber“ aus. Weil der Bodenschatz hier nur wenige Zentimeter unter der Erde zu finden war, gruben Bauern die Kohle aus und heizten damit entweder den eigenen Ofen oder verkauften ihre Funde als Nebeneinkunft. Ab dem 18. Jahrhundert begann die industrielle Förderung, wobei die Quelle schnell versiegte. 1905 wurde die letzte Großzeche stillgelegt.

Dann streift die Etappe neuere Geschichte, die Lutz Eßrich maßgeblich mitgeprägt hat: Die Nordbahntrasse ist in Sichtweite. Obwohl Lutz Eßrich — noch immer auf Sprockhöveler Stadtgebiet — ein kleines Geständnis abgeben muss: „Eigentlich ist ,Nordbahntrasse’ hier etwas geschummelt. Das war die Kohlenbahn hier.“ Nur wäre das natürlich nicht so schön zu vermarkten gewesen. „23 Kilometer Nordbahntrasse klingt besser“, sagt der 71-Jährige.

Egal wie man die Rad- und Wanderstrecke hier nennen mag, Lutz Eßrich muss den Sprockhövelern mit Blick auf die Kuxloher Brücke ein Lob aussprechen. „Das ist toll gemacht“, sagt er angesichts der rekonstruierten Bahnbrücke. Nicht nur, dass die Stadt diese in schmalerer Form wieder aufbauen ließ, zudem ist noch heute der Umriss der alten Brücke farblich abgehoben. Kurz hinter dem Tunnel Schee, habe es dann eine ganz ähnliche Brücke auf Wuppertaler Gebiet gegeben. „Die hat die Stadt einfach abgerissen“, ärgert sich Eßrich.

Nach einem weiteren Ausflug durch die Windungen des Golfplatzes Juliana führt der SGV-Wanderweg sogar ein paar Meter direkt über die Nordbahntrasse. Eßrich ist in seinem Element und zeigt abseits der Strecke ins Gestrüpp. „Dort wollten wir eigentlich eine Bank aufstellen“, berichtet er. „Durften wir aber nicht, weil das angeblich die wertvolle Vegetation schädigt“, sagt er und zeigt milde lächelnd in den undefinierbaren Wildwuchs.

Auf Wuppertaler Stadtgebiet spuckt der Wald die Wanderer zurück in die Zivilisation, direkt aufs Firmengelände von Coroplast. Nach einem kurzen Stück entlang der Hauptstraße Mollenkotten führt das schwarze W das erste Mal in suspekte Gefilde. Eine schmale Gasse zwischen zwei Grundstücken endet in einem dichten Brombeerstrauch. Ein aufgemaltes Wanderzeichen bestätigt lediglich, dass dies einmal — vielleicht vor zehn Jahren — der Weg war. Keine Machete? Endstation,

Da hilft eine Stimme aus dem Off. Die Bewohnerin des benachbarten Grundstücks hat wohl nicht zum ersten Mal ratlose Wanderer vorgefunden. „Um den Weg kümmert sich keiner mehr, der ist zugewachsen. Jetzt gehen alle über unser Grundstück“, lädt sie in ihren Garten ein, den man über ein Loch in der Hecke betreten kann. Nach diesem Abstecher geht es mit dem Kopf zuerst durchs Unterholz und dann wieder auf die richtige Strecke, die ab dann verlässlich über Nächstrebreck, Hasenkamp (mit schönem Fernblick) und unter dem Rauschen der A1 nach Jesinghausen führt. Eßrich lobt die Etappe in höchsten Tönen. Viel Spaß habe es gemacht. Nur diese Sache mit der Hecke lässt ihm keine Ruhe. „Da muss ich mal bei der Stadt nachfragen. . .“

“ Weiter geht’s auf dem Wuppertaler Rundweg. Die nächste Etappe führt von Langerfeld nach Beyenburg.