Konzert: Rückkehr zur Melodie und Klangsensibilität

Konzert : Rückkehr zur Melodie und Klangsensibilität

Ohrenöffner-Gespräch: Lutz-Werner Hesse und Stefan Heucke im Gespräch über das Komponieren im 21. Jahrhundert.

Egal welche Stücke Lutz-Werner Hesse und Stefan Heucke noch komponieren werden: Bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik oder den Donaueschinger Musiktagen werden ihre Werke wohl nicht mehr aufgeführt werden. Das räumten die Komponisten in der evangelischen City-Kirche freimütig und durchaus selbstbewusst ein. Sie haben zwar keine Berührungsängste mit zeitgenössischer Musik, blicken aber doch mit Skepsis auf die Entwicklung dieser Musik, die sich aus ihrer Sicht zu stark von Melodien und Motiven abgewandt hat. Irgendwann hätten sich die beiden entschieden: „Wir wollen den Weg der neuen Musik nicht mitgehen“, erklärte Heucke, der dabei auch im Namen seines Freundes Hesse sprach.

Im Rahmen der vom Sinfonieorchester Wuppertal organisierten Reihe „Ohrenöffner – Musik im Gespräch“ gaben die beiden am Samstag Moderator Bjørn Woll und dem Publikum einen Einblick in ihre „Komponistenwerkstatt“. Die Veranstaltung mit dem Titel „Komponieren im 21. Jahrhundert“ fragte nach dem Selbstbild des Komponisten im digitalen Zeitalter, in dem die klassische Musik ja längst nicht mehr den Stellenwert hat, der ihr vielleicht noch vor 200 oder 300 Jahren zugemessen wurde. Daran gemessen war die Resonanz auf die Veranstaltung allerdings ausgesprochen gut. Fast alle Plätze im Saal waren besetzt, lediglich auf der Empore gab es noch ein paar freie Sitze.

Eine Stunde lang sprachen Heucke und Hesse darüber, wie und wo sie am liebsten komponieren, ob sie eher Auftrags- oder freie Arbeiten anfertigen und aus welchen musikalischen Epochen sie ihre Anregungen holen. Und da zeigten sich beide eben eher als Fans der traditionellen Klassik, denn als Anhänger von Arnold Schönberg und dessen Schülern. Er „sei kein Freund von Adorno“, sagte etwa Hesse mit Verweis auf den Philosophen und Soziologen, der für die Zwölftonmusik in Deutschland das Feld bereitet hatte. Heucke sprach in diesem Zusammenhang von einer „nachseriellen Ideologie“, die dazu geführt habe, dass die klassische Oper eine Zeitlang verpönt war. Mittlerweile habe sich diese Entwicklung aber zum Glück wieder gedreht, sagte Heucke, der unter anderem für die Oper „Das Frauenorchester von Auschwitz“ bekannt ist.

Überlieferte Werke als willkommener Schatz

Beide Komponisten bekannten sich denn auch wenig überraschend zur Fülle der musikalischen Epochen. Die überlieferten Werke seien ein „unglaublicher Schatz“, die Komponisten der Vergangenheit „Riesen“, auf deren Schultern er sitze, betonte Stefan Heucke. Beide Komponisten brachen zudem eine Lanze für wiederkehrende Motive, Themen, Klang und Rhythmus in der Musik. „Der Akt des Wiedererkennens hat etwas ungemein Schönes“, betonte Hesse, der sozusagen im Haupterwerb Direktor des Wuppertaler Standortes der Musikhochschule Köln ist. Der in Bochum lebende Heucke sekundierte gerne: „Musik, die das Wiedererkennen verweigert, ist zum Scheitern verurteilt.“

Damit die Ausführungen nicht zu akademisch blieben, hatte Moderator Woll vier Hörproben - je zwei pro Komponist - mitgebracht, die er via Laptop abspielte: Von Heucke erklang etwa ein Concerto grosso für Tubaquartett und Orchester, von Hesse ein Ausschnitt aus einem Orchesterwerk. Etliche der vornehmlich älteren Besucher folgten den Klängen mit geschlossenen Augen und wussten es vermutlich zu schätzen, dass beide Komponisten in ihren Werken Melodien und Motive präsentieren, denen man recht leicht folgen kann. Moderator Woll lobte an den Hörbeispielen denn auch die „Rückkehr zur Melodie“ und die „Klangsensibilität“, mit der die beiden Tonkünstler ans Werk gegangen seien.