Theater: Rotkäppchens Befreiung von der Angst

Theater : Rotkäppchens Befreiung von der Angst

Das Close Up Theater beschäftigt sich in seinem neuen Stück „Hybrid“ im Haus der Jugend mit dem Fremden.

Bedeuten Fremde eine Gefahr für uns? Und wie gehen wir mit unseren Ängsten um? Mit diesen Fragen setzt sich das Close Up Theater in seiner Collage „Hybrid“ im Haus der Jugend Barmen auseinander. Charlotte Arndt und Dilara Baskinci haben gemeinsam mit ihrer Theatergruppe aus zwei jungen Männern und acht Mädchen – alle zwischen 13 und 27 Jahre alt – ein Theaterstück entwickelt, das intensiv zum Nachdenken anregt.

Eindringlich und mit viel schauspielerischem Geschick

Als Folie benutzen die Regisseurinnen das Märchen vom Rotkäppchen. Muss sich das Rotkäppchen hüten, wenn es in den Wald geht? Aufpassen, was es sagt und wie es sich verhält, damit ihm nichts Böses passiert? Und ist der Wolf überhaupt böse oder trägt er nur eine Maske, die ihn furchterregend erscheinen lässt? Will er den anderen etwas Schlimmes tun oder wird ihm diese Rolle aufgezwungen?

Eindringlich und mit viel schauspielerischem Geschick diskutieren die jungen Menschen auf der dunklen, großteils leeren Bühne diese Fragen. Die Mädchen in ihren roten Umhängen zum schwarzen Kleid streiten, ob sie so alleine im Wald Angst haben sollten oder nicht. Ob die Angst schützt oder einengt. Ob es einen Unterschied macht, „hybrid“ zu sein, also eine Mischung aus verschiedenen Rassen oder Kulturen.

Vor den „Männern mit ihren dunklen Gedanken“ warnt die eine. Doch die andere entgegnet: „Aber da ist doch kein Monster – das ist ein ganz normaler Mensch!“ Als „Angstschweinchen“ treten die Ängste mit Schweinemaske auf. Sie kriechen unter das Bett und geben nachts keine Ruhe, flüstern von immer neuen Gefahren, die vom Fremden ausgehen. Sie ziehen und zerren an den Mädchen. Manchmal schaffen sie es, die Oberhand zu gewinnen. Dann sucht das Mädchen Schutz hinter dem schwarzen Gaze-Vorhang und betrachtet die Welt nur noch von Ferne, ohne selbst am Geschehen teilzunehmen, begleitet nur von seinen Ängsten. Oder das Mädchen besiegt die Ängste und tanzt frei und fröhlich durch die Welt.

Die Jungen betrachten ihre Wolfsmaske und sind hin- und hergerissen zwischen der Macht, die der Wolf verleiht, und dem Bedürfnis, so zu sein wie alle anderen. Oder finden all diese Ängste und Gefahren sowieso nur im Kopf statt? Sind sie den anderen gleich und nur das Äußere verleitet dazu, vermeintliche Differenzen zu empfinden?

Das Trio aus Christopher Huber (Geige), Christopher Esch (Gitarre) und Leo Mucke (Schlagzeug) sorgt für Musik, die die jeweiligen Stimmungen aufnimmt, weiterspinnt, verstärkt. Sie spielen mal einen Walzer, mal ein jüdisches Lied oder furchterregendes dumpfes Grollen mit spitzen Tonblitzen.

Schlüssig sind die Szenen, doch auch sehr ausufernd. Oft wird immer der gleiche Gedanke wiederholt und in leicht abgewandelter Form noch einmal gebracht. Die Videoeinspielungen mit Rotkäppchen, die durch Stadt und Wald laufen, fügen dem keine neuen Aussagen hinzu. Gerade im zweiten Teil verliert das Stück seinen Fluss. Hätten die Regisseurinnen das fast drei Stunden lange Stück auf eineinhalb Stunden fokussiert, wäre es eine rundum beeindruckende Inszenierung.