Ronsdorfer Theatergruppe schreibt Geschichte und unterhält bestens

Laientheater : Theatergruppe schreibt Geschichte

Das Ensemble von St. Joseph stand kurz vor Spielbeginn vor einer schwierigen Situation.

In seltenen Fällen greift das wahre Leben auf besondere Weise in eine Theaterinszenierung ein. Wäre sie dem Ideenfundus des jeweiligen Regisseurs entsprungen, würde sie ihm von der Kritik mindestens das Urteil „gewagt“ einbringen. Die Theatergruppe St. Joseph wird sich jedenfalls noch lange an die vierte Aufführung der Komödie „Theater, Theater“ am vergangenen Freitag im Gemeindehaus erinnern.

Gerade ist der Gong verklungen, im Zuschauerraum herrscht erwartungsvolle Stille. Gerd Stratmann kommt aus dem Bühnenbild, das den Salon der Familie Thitherthorough zeigt. Er heißt alle Anwesenden willkommen und sagt dann: „Leider ist eine unserer Spielerinnen kurzfristig erkrankt.“ Spielerin? Im Programm steht doch, dass es in dem Stück von Tom Müller und Sabine Misiorny um eine Gruppe Schauspieler geht, die ein englisches Kriminalstück aufführen soll. Und weil ein Spieler ausfällt und weil man einen zu spät kommenden Zuschauer der öffentlichen Hauptprobe für den Ersatz hält, geht so einiges schief. Also Theater im Theater in mehrfacher Hinsicht. Aber eine Schauspielerin? Stratmann: „Darum wird jetzt unsere Souffleuse die Rolle der Karin van Alst übernehmen. Sie wird mit dem Rollenbuch in der Hand spielen.“ Ist das jetzt echt? Ja, das ist es.

Das Ensemble geht mit der Situation professionell um

Helena Schindler übernimmt also für Gaby Finkenrath, die in den vorigen Aufführungen jene van Alst gespielt hat, die im Binnenstück die Lady Elizabeth gibt. Stratmann wird zum Regisseur Falk Wagner, Daniel Mertmann zum Schauspieler Julius C. Brenner, der sich als Inspector Carter bewähren muss. Und Christof Petig hat die Rolle des Zuschauers Schmidt. Der soll für Falk Wagner als Steven Smith die Karre aus dem Dreck ziehen, glaubt an eine ausgefallene Audience Participation und gibt nach anfänglichem Zögern so richtig Gas. Leider in die falsche Richtung.

Und während Wagners Krimiprojekt zum Vergnügen des Publikums im Chaos versinkt, schreibt die St. Joseph-Truppe Ronsdorfer Theatergeschichte. Schindler ist mehr als nur Anspielfigur und Stichwortgeberin. Sie hat das Timing verinnerlicht, sie hat ganz offensichtlich Finkenraths Betonungen genau im Ohr. Sie macht im guten Sinne das Handwerk sichtbar, das hinter einer gelungenen Aufführung steht.

Müller und Misiorny kennen alle Seiten des Theaters, als Schauspieler, Regisseure und Autoren. Das merkt man „Theater, Theater“ an. Dazu ist es von einem feinen Humor, der Laienspieler vor größere Herausforderungen stellt als so manche Schenkelklopfkomik. Die St. Joseph-Truppe hat das mit Bravour gemeistert. Und was ihren Umgang mit unvorhergesehenen Katastrophe angeht, kann man einen Satz aus der Rolle des Julius C. Brenner zitieren: „Aber Falk, ich bin doch ein Profi!“ Doch was man Brenner nur sehr bedingt zugestehen kann, das gilt für die Truppe von St. Joseph uneingeschränkt. Wie sie damit zurechtgekommen ist, das war professionell. Danke für einen gelungenen Theaterabend. Und für Gaby Finkenrath gute Besserung.

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