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Röntgenstrahl aus Klebefilm

Röntgenstrahl aus Klebefilm

Was andere für einen Scherz hielten, wiesen Wuppertaler Physiker jetzt nach: Mit gewöhnlichem Klebeband kann Röntgenstrahlung erzeugt werden.

Wuppertal. Es kann durchaus passieren, dass es im einschlägigen Wuppertaler fachhandel in den nächsten Tagen und Wochen zu Engpässen beim Nachschub von Klebeband-Rollen kommt. Die Ursache dafür sind nicht etwa verfrühte Einpack-Orgien für Weihnachtsgeschenke, sondern eine neue Experimentierlust bei Physik-Studenten.

Seit amerikanische Wissenschaftler herausgefunden haben. dass sich mit gewöhnlichen Klebeband - ob Tesa, Scotch oder was auch immer - Röntgenstrahlung erzeugen lässt, rollen Dutzende von Nachwuchswissenschaftlern unter der Bettdecke Tesafilmrollen ab, um fasziniert auf ein schwaches bläuliches Leuchten zu starren.

Röntgenstrahlung, wie sie in der Medizin mittels riesiger und teurer Geräte eingesetzt wird, ist das noch nicht, aber der strahlende Hinweis auf ein unglaubliche These: Zum Röntgen reicht eine Rolle Klebeband.

Einer, der das genauer wissen wollte, ist der Diplom-Physiker Daniel Krämer. Er hat es geschafft, bei Röntgenphysiker Professor Ronald Frahm an der Bergischen Universität eine Apparatur zu bauen, die es erlaubt, mit gewöhnlichem Klebeband Röntgenstrahlung zu erzeugen.

"So weit ich weiß, hat hierzulande noch niemand ausprobiert, ob das wirklich funktioniert. Ich wollte es einfach herausfinden", erläutert Krämer, der schließlich an einer Universität forscht, die auch zur Röntgenstadt Remscheid gehört. Ganz nebenbei erwähnt Krämer, dass aus der anfänglichen Neugier jetzt womöglich eine Doktorarbeit erwächst.

Sein Versuchsaufbau in einem Physik-Labor auf dem Grifflenberg sieht selbst für Laien eher simpel aus. Ein Motor zum Abrollen des Klebestreifens und ein Röntgendetektor, ein Computer und eine Vakuumglocke - und schon ist das Röntgengerät Marke Eigenbau fertig. Die Zutaten verraten schon, warum der Bettdeckentest völlig ungefährlich ist.

"Beim Abreißen des Klebestreifens kommt es zu einer Ladungstrennung. Bei normalem Luftdruck geschieht die Entladung sehr schnell - ohne nennenswerte Strahlung. Es muss sich also niemand davor fürchten, Weihnachtsgeschenke einzupacken. Erst im Vakuum entsteht eine signifikante Spannung", erklärt Professor Frahm.

Und die ist in der Tat beeindruckend. Um Röntgenstrahlung zu erzeugen, braucht es eine Spannung von bis zu 20000 Volt - ziemlich viel für ein harmloses Klebandröllchen. "Eigentlich müsste auf jeder Rolle Tesafilm der Warnhinweis stehen: Nicht im Vakuum entrollen. Diese Gefahr besteht allerdings höchstens im Weltraum", scherzt der Röntgenexperte.

Bei den Klebestudien von Daniel Krämer handelt es sich zwar um Grundlagenforschung, aber die Ergebnisse könnten durchaus praktische Folgen haben, denn auf die Frage, was man denn nun mit den Erkenntnissen anfangen könne, geraten die Physiker ins Schwärmen.

Mobile, bezahlbare Röntgengeräte für Notärzte beispielsweise oder tragbare Geräte, die im Physikunterricht an den Schulen zum Einsatz kommen. "Da ist vieles denkbar", meint Frahm. Für ihn ist jetzt erst einmal wichtig, dass in einem Wuppertaler Labor nachgewiesen wurde, dass die Tesa-Theorie aus den USA tatsächlich funktioniert.