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Ralf Engel über Corona-Krise in Wuppertal: „Innenstädte ohne Handel vermeiden“

Ralf Engel über die Corona-Krise : „Wir müssen Innenstädte ohne Handel tunlichst vermeiden“

Ralf Engel ist Geschäftsführer des Handelsverbandes NRW Rheinland e. V. und leitet die Geschäftsstelle in Wuppertal. Er erklärt im Gespräch, was in der Krise gut, was schlecht gelaufen ist, warum er der Stadt dankbar ist und was die Aufgaben für die Zeit nach Corona sein werden.

Herr Engel, die Umsätze in den Innenstädten sind zurückgegangen. Wie sehen Sie das?

Ralf Engel: Das stimmt. Ich sehe eine Kaufzurückhaltung, die mich aber nicht wundert. Wer von Kurzarbeit betroffen ist, seinen Job verloren hat oder befürchtet, dass das in Zukunft passieren könnte, kauft jetzt keine hochwertigen Elektronikwaren, keine neue Kleidung, keinen Schmuck.

Aber nicht nur.

Engel: Nein. Dazu kommen natürlich auch die aktuellen Umstände. Die Geschäfte bis zu einer Größe von 800 Quadratmetern haben seit dem 20. April wieder geöffnet und wir freuen uns darüber. Aber jeder Händler, der wieder geöffnet hat, versucht sich an die Regeln zu halten, was Abstand und Hygiene angeht. Aber dabei gibt es viele Unklarheiten. Die Umsetzung der Regeln hat das Land nicht bedacht.

Sind Ihnen Probleme bekannt?

Engel: Die Kunden sind sehr diszipliniert, dazu habe ich keine Beschwerden gehört. Aber es herrscht große Verunsicherung, die auch nicht förderlich ist, weil sie bei Beratungen immer im Hinterkopf ist: Bin ich zu nah dran? Darf ich dem Kunden das so zeigen? Das hemmt die Situation.

Der Handel leidet, aber gibt es auch Ausreißer?

Engel: Es gibt positive Ausreißer: Zweiradhändler, die Freizeit- oder Gartenbranche. Die profitieren jetzt, auch wegen des Wetters. Aber etwa die Textilbranche leidet sehr. Die haben noch nicht die Märzware abverkauft und müssten jetzt die Maiware loswerden. Vielfach wurde die Ware schon bezahlt. Wenn das nicht verkauft wird, häufen sich die Verluste.

Hätte das in der Krise anders laufen können?

Engel: Wenn man sich die Infektionszahlen ansieht, dann wurde auf keinen Fall alles falsch gemacht. Die Erfolge haben wir den rigorosen Maßnahmen der Behörden zu verdanken. Aber ich hätte mir mehr Konsequenz gewünscht: Warum hatten Friseure länger offen als Kosmetiker? Warum hatten Baumärkte auf, aber Floristen nicht? Warum mussten Discounter nicht die Bereiche mit Schreibwaren oder Spielzeug absperren? Ich hätte mir klarere Regeln gewünscht.

Wie bewerten Sie die Öffnungsphase?

Engel: Was mich zum Beispiel irritiert, ist, dass Geschäfte ab 800 Quadratmetern nicht öffnen dürfen. Die könnten auf großer Fläche für genug Abstand sorgen. Stattdessen müssen die großen Sortimente auf kleinerer Fläche gestaut werden. Das enttäuscht auch die Käufer. Und es ist aus meiner Sicht unklar, woher die Zahl kommt. Wie wird sie begründet?

Wie verhält sich die Stadt?

Engel: Die Stadt hat wöchentliche Videokonferenzen abgehalten, die Kommunikation lief vorbildlich. Und als die Läden wieder öffnen durften, hat das Ordnungsamt beraten, statt direkt zu verwarnen, wenn Händler Probleme etwa mit der Einlasssituation hatten. Das ist ja nicht deren tägliches Geschäft. Auch das lief vorbildlich.

Es gab Händler, die etwa über Facebook Waren angeboten und selbst ausgeliefert haben. Stellt sich der Handel durch die Krise besser online auf?

Engel: Wir alle haben gesehen, wie die Innenstädte ohne Handel aussehen. Und dass das in Zukunft so aussieht, müssen wir tunlichst vermeiden. Dazu gehört auch, dass der stationäre Handel sich online besser aufstellt und die Sphären besser miteinander verbindet. Viele Händler haben das in der Krise realisiert. Das müssen wir in die Zeit danach übertragen.

Viele fordern, dass die Kunden jetzt lokal kaufen sollen. Aber das sollten sie doch vorher auch.

Engel: Man kann sagen, dass das eine Binsenweisheit ist, aber es ist auch richtig. Deswegen fordern wir bundesweit, dass jeder Bürger einen lokalen Einkaufsgutschein über 500 Euro bekommt. Und wir müssen sehen, dass die Innenstädte städteplanerisch aufgewertet werden.