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Professor der Bergischen Uni Wuppertal über das Loveparade-Unglück

Interview : „Es reichen 100 Personen für eine kritische Situation“

Jürgen Gerlach verfasste für das Landgericht Duisburg ein 3800 Seiten starkes Gutachten über die Katastrophe.

Herr Gerlach, was können Veranstalter in Wuppertal aus der Tragödie bei der Loveparade vor zehn Jahren lernen?

Jürgen Gerlach: Problematisch sind vor allem Veranstaltungen, die an einem neuen Ort stattfinden, weil man nicht auf Erfahrungswerte zurückgreifen kann. Kritisch sind auch Feste aus der Kategorie „umsonst und draußen“, weil man dann nie weiß, wie viele Menschen kommen. Dazu gehören durchaus auch Flohmärkte und Weihnachtsmärkte, wie wir sie in Wuppertal haben.

Was ist die Kernlektion aus Ihrem Loveparade-Gutachten, die sich Veranstalter zu Herzen nehmen sollten, sobald Feste wieder möglich sind?

Gerlach: Die Einlass-Situation einer Veranstaltung verlangt eine besondere Aufmerksamkeit. Das Planungs- und Genehmigungsverfahren von Veranstaltungen spiegelt das aber heute noch immer nicht wider. Die aktuellen Regelungen sind alle auf die Evakuierung ausgerichtet. Der Hintergrund ist, dass es in den 1980er Jahren, aber auch schon davor, zu verheerenden Theaterbränden mit Todesfällen gekommen ist. Insofern hat man sich darauf konzentriert, Regelungen für Notausgänge zu treffen. Da vor der Loveparade – zumindest in Deutschland – noch nichts bei Einlässen passiert ist, hat man sich in Genehmigungsverfahren um diesen Bereich bislang nicht gekümmert. Es gibt da aktuell auch noch überhaupt kein Handbuch für Veranstalter.

Seit der Loveparade hat sich auf diesem Sektor also nichts verbessert?

Gerlach: Ja und nein. Die gesetzlichen Regelungen haben sich noch nicht verändert. Da sind wir gerade dabei, an die Ministerien zu schreiben. Jetzt ist nämlich nachgewiesen, dass die Situation am Einlass der entscheidende Faktor für das Unglück war. Die Eingänge waren unterdimensioniert und das ist in der Planung nicht berücksichtigt worden.

Was hat sich denn verbessert?

Gerlach: Die Planungsmöglichkeiten. Mittlerweile gibt es viel bessere Simulationen. Man kann heute relativ einfach am PC Personenströme einer Veranstaltung darstellen. Das hat übrigens auch eine Rolle gespielt, als man das Ed-Sheeran-Konzert in Düsseldorf abgesagt hat.

Wenn es nun weitere Regulierungen zur Eingangssituation bei Veranstaltungen geben sollte, kommt dann doch sicherlich ein zusätzlicher Aufwand auf die Planer zu. Bei Wuppertaler Festen sind das aber größtenteils ehrenamtliche Kräfte, die heute schon angesichts des Aufwandes stöhnen...

Gerlach: Es kann nicht sein, dass diese Planer selbst fachlich in die Tiefe gehen müssen. Mir geht es auch darum, Hinweispapiere für Veranstalter zu erstellen. Vielleicht kommt es auch zu einer Richtlinie für die verkehrliche Erschließung von Veranstaltungen. Klar ist das noch immer mit etwas Aufwand verboten. Aber ich glaube, nichts ist schlimmer, als wenn ein Veranstalter ein Fest ausrichtet, auf dem es Todesfälle und Verletzte gibt.

Können solche gefährlichen Situationen wie auf der Loveparade auch bei kleineren Veranstaltungen passieren – etwa einem Weihnachtsmarkt in Wuppertal?

Gerlach: Leider ja. Es reichen theoretisch 100 Personen, damit eine kritische Situation entstehen kann. Nehmen wir einen Weihnachtsmarkt mit einer bestimmten Attraktion, etwa einem Event auf einer Bühne. Wenn es einerseits so voll ist, dass es zu einem Stillstand kommt, und andererseits Menschen schnell an einen bestimmten Ort wollen, kann es zu Wellenbewegungen in der Menge kommen. Dabei können die Menschen dann ihre eigene Bewegung nicht mehr kontrollieren. Wenn dann Personen zu Fall kommen, kann es sehr gefährlich werden. Ich habe das einmal selbst am eigenen Leib bei dem Einlass zu einer Open-Air-Karnevalsveranstaltung zu spüren bekommen. Als einer der Zugänge zu einem Platz geöffnet wurde, baute sich mit einem Mal ein enormer Druck auf, der mich fast zu Fall gebracht hat. Es braucht für so einen Effekt nicht viele Menschen. Das Gefährliche ist, dass die hinten nicht mehr mitbekommen, wie es denen vorne geht.

Was können Veranstalter tun, wenn sie bemerken, dass es zu gefährlichen Menschenströmungen kommt?

Gerlach: Viel hat mit der Kommunikation zu tun. Wenn ich etwa weiß, dass ich nichts verpasse, ist das eine ganz andere Situation, als wenn Menschen den Eindruck haben, dass sie sich beeilen müssen, etwa weil bei einem Fußballspiel der Anpfiff bevorsteht. Oder wenn man das Gefühl bekommt, dass andere schneller voran kommen als ich. Viel besser ist da eine geregelte Eingangssituation, wie man sie beispielsweise vor Fahr-Attraktionen im Phantasialand kennt. Wo man sich hinten an einer Schlange anstellt und anders gar nicht vorbeikommt. Das ist sehr viel ungefährlicher.

Welche Information muss bei einer Menschenmasse ankommen, die droht, außer Kontrolle zu geraten?

Gerlach: Wir haben alles unter Kontrolle. Und: Keiner verpasst etwas.

Nehmen wir einmal ein ganz konkretes Beispiel. Beim Weihnachtsmarkt wird es unerwartet zu voll und es entstehen gefährlichen Wellen. Wie bemerke ich das? Und was muss sofort passieren?

Gerlach: Meine Kollegen forschen derzeit daran, wie man brenzlige Situation frühzeitig erkennen kann. Das ist etwa möglich, indem man von einer erhöhten Position – etwa einem Hochhaus – die Menschenströme analysiert. Dann sollte man nachsehen: Woran liegt es, dass es so voll ist? Sinnvoll ist es etwa, wenn zu viele Menschen zu einem einzelnen Punkt strömen, alternative Angebote zu schaffen.

Das ist wohl schwer, spontan zu organisieren...

Gerlach: Das ist richtig. Wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, wird es schwierig. Deshalb müssen sich die Veranstalter gut vorbereiten und über solche Eventualitäten nachdenken.

Im Juli 2018 ist der Trassenjam in der Mirke wegen eines zu großen Besucherandrangs frühzeitig abgebrochen worden. Vorbildlich?

Gerlach: Finde ich eine sehr gute Sache. Die Veranstalter sind seit 2010 sensibilisierter. Allerdings muss man bei der Absage einer laufenden Veranstaltung immer auch die Rahmenbedingungen checken, sonst kann auch das gefährlich werden. Eigentlich sollte ein Abbruch das letzte Mittel sein.